Tarifverhandlungen in den USA
Autogewerkschaft lässt die Muskeln spielen

Der größte US-Autokonzern General Motors (GM) wird erstmals seit mehr als 30 Jahren wieder landesweit bestreikt. Der Ausstand wurde von Ron Gettelfinger, Präsident der Gewerkschaft UAW, vor der Presse in Detroit bekanntgegeben. Man werde die Arbeit erst wieder aufnehmen, wenn ein „fairer und angemessener“ Tarifvertrag mit GM unterzeichnet sei, sagte Gettelfinger.

ebe/hz FRANKFURT / NEW YORK. Nach Ablauf einer von der Gewerkschaft gesetzten Frist sei die Arbeit gegen 17 Uhr deutscher Zeit niedergelegt worden, bestätigte ein GM-Sprecher am Montagabend. Für den Opel-Mutterkonzern arbeiten in den USA noch rund 73 000 UAW-Mitglieder. GM zeigte sich enttäuscht: Man wolle jedoch weiterhin mit der Gewerkschaft zusammenarbeiten, um eine Lösung für die Herausforderungen zu finden, sagte der Sprecher. Auch Gettelfinger betonte, direkt nach der Pressekonferenz wieder an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Er verwies auf umfangreiche Konzessionen, die GM-Mitarbeiter zwischen 2003 und 2007 gemacht hätten. Offenbar ist der US-Konzern der Gewerkschaft bei Fragen zur Jobsicherheit bisher nicht weit entgegengekommen. Die UAW befürchtet, dass ganze Autogenerationen künftig aus Kostengründen in Übersee produziert werden könnten.

Zehn Tage nach dem Auslaufen der regelmäßig über vier Jahre abgeschlossenen Tarifverträge ist mit dem Streik für die US-Autoindustrie eine wichtige Weichenstellung erfolgt. Experten hatten zuvor gezweifelt, dass die Gewerkschaft es tatsächlich auf einen Großkonflikt in der kriselnden Branche ankommen lässt. „Wenn die Gewerkschaft eine Frist setzt, dann haben sie einen Deal“, war sich Autoexperte David Cole vom Center of Automotive Research sicher. Vor vier Jahren erstritt die Gewerkschaft am Ende der Verhandlungen eine Einmalzahlung von 3 000 Dollar pro UAW-Mitarbeiter, ehe sie die Unterschrift unter die Verträge setzte. Doch die UAW lässt ihren Drohung jetzt offensichtlich Taten folgen.

Die jetzt angedrohten Arbeitsniederlegungen könnten die angeschlagene US-Autoindustrie nach Ansicht von Experten ins Mark treffen, da die Hersteller um ihr Überleben kämpfen. Einen kurzen Arbeitskampf könne GM allerdings verkraften, da der Hersteller auf unverkauften Autos sitzt, die einer Produktion von 68 Tagen entsprechen.

Die Eskalation des Tarifstreits kommt überraschend, da führende US-Medien am Wochenende übereinstimmend berichtet hatten, die zentrale Frage der Finanzierung der Krankheitskosten von GM-Pensionären sei inzwischen gelöst. Demnach würde künftig nicht mehr GM für die Krankheitskosten seiner 340 000 Pensionäre aufkommen, sondern ein von der UAW verwalteter Gesundheits-Fonds. Im Gegenzug soll GM eine Zahlung von gut 30 Mrd. Dollar in bar und Aktien leisten, um den Fonds zu finanzieren. Mit dem Verkauf von Tafelsilber wie der Abgabe eines Mehrheitsanteils an der Finanzierungs-Tochter GMAC hat sich GM in den vergangenen Jahren Spielraum für eine solche Lösung geschaffen.

Doch offensichtlich konnte in letzter Sekunde in den Tarifgesprächen keine Einigung erzielt werden. Für den US-Autobauer ist dies eine schlechte Nachricht: Nach einem Rekordminus von 12,4 Mrd. Dollar im Jahr 2005 befindet sich GM zwar auf dem Weg der Besserung. Im weltgrößten Automarkt USA schreibt der Opel-Mutterkonzern aber nach wie vor hohe Verluste. Durch einen rückläufigen Heimatmarkt und hausgemachte Fehler in der Modellpolitik könnte sich die Krise in den nächsten Monaten weiter verschärfen.

Eine Einigung zwischen GM und der Gewerkschaft wäre ein Pilotabschluss für die finanziell angeschlagene US-Branche gewesen. Die Tarifrunde 2007 gilt als bahnbrechend, weil sich die Autokonzerne mit der Bildung eines Gesundheits-Fonds von einer ihrer größten Belastungen befreien würden. Die US-Industrie finanziert bisher nicht nur aktive Mitarbeiter, sondern auch UAW-Rentner und Familienangehörige. Weil bei GM inzwischen vier Pensionäre auf einen aktiven Mitarbeiter kommen, schiebt der Konzern mehr als 50 Mrd. Dollar an Zahlungsverpflichtungen allein für Gesundheitsvorsorge vor sich her.

Die US-Autobauer verlieren in den USA seit Jahren massiv Marktanteile an die asiatische und europäische Konkurrenz. Sie klagen über einen Kostennachteil von 25 bis 30 Dollar pro Arbeitsstunde gegenüber Toyota oder Honda, auch weil deren US-Belegschaften im Durchschnitt deutlich jünger sind. Experten verweisen darauf, dass die US-Konzerne über das Auslagern der Gesundheitskosten in einen Fonds etwa die Hälfte dieser Kostenlücke gegenüber der Konkurrenz schließen könnten.

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