Tarifvertrag angestrebt
US-Autos sollen billiger werden

Letzter Weg aus der Krise: bei den heute beginnenden Gesprächen zwischen den drei größten amerikanischen Autobauern Chrysler, General Motors und Ford und der traditionsreichen Autogewerkschaft UAW, geht es ums nackte Überleben – die Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Industrie steht auf dem Spiel.

NEW YORK. Mit einem Händedruck zwischen Chrysler-Chef Tom LaSorda und Gewerkschaftsboss Ron Gettelfinger beginnen heute die Gespräche über einen neuen Tarifvertrag für die drei amerikanischen Autobauer. Für die „Big Three“ aus Detroit ist es nach Einschätzung von Analysten die letzte Gelegenheit, einen Weg aus der Krise zu finden. Im Zentrum der Verhandlungen dürften die hohen Kosten für die Krankenversicherung der Beschäftigten und Pensionäre stehen. Chrysler, Ford und General Motors (GM) drängen auf Konzessionen der Autogewerkschaft UAW, um wieder Anschluss an die ausländische Konkurrenz zu finden.

Obwohl Gewerkschaftschef Gettelfinger bereits vor Verhandlungsbeginn bekundet hat, dass er nicht in der Stimmung für Konzessionen sei, gibt es Signale für einen Kompromiss. Die Unternehmen hoffen, dass sie die UAW zu einem Modell bewegen können, dem die Stahlarbeiter-Gewerkschaft beim Reifenhersteller Goodyear zugestimmt hat. Danach würden die Autohersteller ihre finanziellen Verpflichtungen für die Krankenversicherung durch eine Einmalzahlung vom Hals bekommen. Eingezahlt würde der zweistellige Milliardenbetrag in eine „Voluntary Employee Beneficiary Associaton“ (VEBA). Dabei handelt es sich um eine von der Gewerkschaft geführte Treuhandgesellschaft.

Der Druck zur Einigung ist für beide Seiten groß. Die Lage für die Unternehmen, aber auch für die Gewerkschaft hat sich seit Abschluss des letzten Tarifvertrags vor vier Jahren dramatisch verschlechtert. Der Marktanteil der US-Autobauer auf dem Heimatmarkt ist stetig auf heute etwa 50 Prozent gesunken. Vor 20 Jahren lag er noch bei zwei Dritteln. Alle drei Autobauer schreiben heute rote Zahlen. Allein im vergangenen Jahr beliefen sich die Verluste zusammen auf rund 16 Mrd. Dollar, wobei drei Viertel der Summe auf das Konto von Ford gehen. Die Firmen haben versucht, den Abwärtstrend mit kostspieligen Rabatten zu stoppen, was ihre Profitmargen noch weiter gedrückt hat.

Der traditionsreichen Gewerkschaft UAW geht es nicht viel besser. Durch den Niedergang der Branche hat die einstige Speerspitze der amerikanischen Arbeiterbewegung zwei Drittel ihrer Mitglieder verloren und zählt heute noch etwa eine halbe Million Beitragszahler. Unter dem wirtschaftlichen Druck musste die Gewerkschaftsführung um den 62-jährigen Gettelfinger dem Abbau von Arbeitsplätzen und Sozialleistungen zustimmen. Sowohl für die UAW als auch für die Autohersteller geht es deshalb ums Überleben.

„Diese Gespräche sind entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Industrie“, sagte John Snow, früher US-Finanzminister und heute Chairman von Cerberus. Der Finanzinvestor hat kürzlich von Daimler-Chrysler dessen US-Tochter Chrysler weitgehend übernommen. Die drei US-Autobauer kämpfen seit Jahren mit einem strukturellen Nachteil. Während sie ihren Beschäftigten Löhne und Sozialleistungen in Höhe von rund 75 Dollar die Stunde zahlen, bekommen die Mitarbeiter der japanischen Konkurrenz in deren US-Fabriken nur etwa 45 Dollar. Die Differenz besteht größtenteils aus Kosten für die Gesundheits- und Altersversorgung der UAW-Mitglieder, die von der Gewerkschaft schon in den 40er-Jahren des vorigen Jahrhunderts erkämpft worden sind. Nach Berechnungen der Deutschen Bank sind die Autos der US-Firmen durch die hohen Sozialleistungen bis zu 1 335 Dollar teurer als die von Toyota und anderen. „Innerhalb Nordamerikas betragen die Fixkosten bei GM etwa 33 Prozent des Umsatzes. Bei Ford sind es 38 Prozent, bei Toyota jedoch nur 24 Prozent“, schreiben die Analysten.

Tauziehen in Detroit

Gewerkschaft: Die UAW hat in den vergangenen Jahren mit einer Mischung aus Pragmatismus und Standfestigkeit versucht, ihre Mitglieder vor dem wirtschaftlichen Niedergang zu schützen. Lohneinbußen ließ sie sich mit Jobgarantien abkaufen.

Kompromiss: Beim Reifenhersteller Goodyear und beim Autozulieferer Dana haben sich Unternehmen darauf geeinigt, einen Teil der Sozialleistungen in eine Treuhandgesellschaft auszugliedern. Das könnte ein Modell für die Autostadt Detroit sein.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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