Die Expansionspläne der Tata-Gruppe in Europa markieren einen neuen Höhepunkt in der Internationalisierungsstrategie ihres rastlosen Chefs Ratan Tata. Gleichzeitig zeigt der Versuch Corus zu übernehmen erneut, wie schnell auf dem Subkontinent neue Weltkonzerne entstehen.
NEU-DELHI. Nicht nur Tata Steel ist scheinbar aus dem Nichts gewachsen. Auch der Petrochemieriese Reliance, Pharmahersteller wie Ranbaxay und Dr. Reddy’s, IT-Firmen wie Infosys und Wipro oder der Maschinenbauer Larsen&Toubro sind innerhalb kurzer Zeit zu neuen Schwergewichten in ihrer Branche geworden.
Die Boston Consulting Group hat gleich fünf Tata-Töchter in eine Liste von 100 „Globalen Herausforderern“ aus Schwellenländern aufgenommen: Neben Tata Steel finden sich darauf TCS – Asiens größte IT-Firma – und Tata Motors, der weltweit fünftgrößte Lastwagenhersteller; außerdem die Telekom-Tochter VSNL und Tata Tea.
„Wir gehen nicht auf Großeinkauf, um schnell mehr Umsatz zu machen“, umriss Ratan Tata in einem Handelsblatt-Interview seine Globalisierungsstrategie. Es gehe darum, heimische Kostenvorteile und Know-how mit moderner Technologie, globalen Marken und neuen Märkten und Absatzkanälen zu verzahnen.
Indiens ältestes Industriekonglomerat will in den kommenden drei bis fünf Jahren 26 Mrd. Dollar investieren und geht global auf Einkaufstour: Unter anderem hat er bereits Daewoos Nutzfahrzeugsparte, einen spanischen Bushersteller, Luxushotels in Amerika und Stahlfirmen in Singapur und Thailand übernommen. Zudem baut er Softwarezentren in China sowie Osteuropa und plant Stahlwerke in Iran und Bangladesch. 2002 erwirtschaftete die Gruppe erst 2,5 Mrd. Dollar außerhalb Indiens. 2005 waren es sieben Mrd. Dollar. Dieses Jahr hat Tata bereits Zukäufe im Wert von 1,4 Mrd. Dollar gestemmt. „Aber wir haben mit der globalen Expansion erst begonnen“, verkündete Executive Director Alan Rosling kürzlich.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Einzelne Firmen der Tata-Gruppe sind für ihre soziale Großzügigkeit bekannt – ein Verhalten, das bei westlichen Aktionären manchmal auf Kritik stößt.
Ratan Tata, der 1991 die Führung übernahm, hat den Konzern fit für diese Expansion gemacht. Es war das Jahr, als Indien in die Marktwirtschaft aufbrach. Selbst auf dem Binnenmarkt war der schläfrige, wild verwucherte Riese damals nicht konkurrenzfähig. Der neue Chef verordnete einen harten Restrukturierungskurs, kappte die Zahl der Gruppenfirmen von 300 auf 96 und konzentrierte die Geschäfte auf sieben Kernfelder, von Hotels über Stahl, Energie, Autos und Telekommunikation bis IT. Zudem wagte er riskante Investitionen: Für 400 Mill. Dollar ließ er Ende der 90er-Jahre Indiens ersten heimischen PKW entwickeln. Ein ähnliches Projekt soll nun folgen: ein Billig-Auto unter 2 000 Euro, das ab 2008 die Motorisierung in Schwellenländern revolutionieren soll.
Mit solchen Vorstößen tritt der studierte Architekt in die Fußstapfen seines Urahns Jamsetji Tata, der 1868 den Grundstein für das Imperium legte. Für den Industrialisierungs-Pionier sollten Firmen neben Profiten auch Bausteine für ein unabhängiges, modernes Indien schaffen. Der Visionär trotzte dem Spott der britischen Kolonialherren. Er errichtete mit dem ersten Stahlwerk der Nation die Keimzelle von Tata Steel und brachte Indiens erstes Wasserkraftwerk und Luxushotel auf den Weg. Nach der Unabhängigkeit stand Mercedes-Benz dann Pate bei der Geburt der Auto-Tochter.
Die Gründerfamilie hält heute fast keine Anteile mehr. 66 Prozent der Holding sind in der Hand wohltätiger Stiftungen. Auch einzelne Gruppenfirmen sind für soziale Großzügigkeit bekannt. Dafür muss sich ihr Management manchmal Kritik internationaler Aktionäre anhören. „Aber in armen Ländern haben Firmen einfach mehr soziale Verantwortung als im Westen mit seinen Sozialsystemen“, wiegelt Ratan Tata ab.
Die Revitalisierung des ehrwürdigen Konglomerats, die dem 69-Jährigen gelungen ist, spiegelt Indiens industrielle Renaissance seit der Liberalisierung wider. 1991 erwirtschaftete die Gruppe keine vier Mrd. Dollar. Heute sind es 22 Mrd. Die Marktkapitalisierung ist auf 49 Mrd. Dollar gestiegen, und in 54 Ländern stehen über 200 000 Mitarbeiter auf der Gehaltsliste.

