Ratan Tata, der 1991 die Führung übernahm, hat den Konzern fit für diese Expansion gemacht. Es war das Jahr, als Indien in die Marktwirtschaft aufbrach. Selbst auf dem Binnenmarkt war der schläfrige, wild verwucherte Riese damals nicht konkurrenzfähig. Der neue Chef verordnete einen harten Restrukturierungskurs, kappte die Zahl der Gruppenfirmen von 300 auf 96 und konzentrierte die Geschäfte auf sieben Kernfelder, von Hotels über Stahl, Energie, Autos und Telekommunikation bis IT. Zudem wagte er riskante Investitionen: Für 400 Mill. Dollar ließ er Ende der 90er-Jahre Indiens ersten heimischen PKW entwickeln. Ein ähnliches Projekt soll nun folgen: ein Billig-Auto unter 2 000 Euro, das ab 2008 die Motorisierung in Schwellenländern revolutionieren soll.
Mit solchen Vorstößen tritt der studierte Architekt in die Fußstapfen seines Urahns Jamsetji Tata, der 1868 den Grundstein für das Imperium legte. Für den Industrialisierungs-Pionier sollten Firmen neben Profiten auch Bausteine für ein unabhängiges, modernes Indien schaffen. Der Visionär trotzte dem Spott der britischen Kolonialherren. Er errichtete mit dem ersten Stahlwerk der Nation die Keimzelle von Tata Steel und brachte Indiens erstes Wasserkraftwerk und Luxushotel auf den Weg. Nach der Unabhängigkeit stand Mercedes-Benz dann Pate bei der Geburt der Auto-Tochter.
Die Gründerfamilie hält heute fast keine Anteile mehr. 66 Prozent der Holding sind in der Hand wohltätiger Stiftungen. Auch einzelne Gruppenfirmen sind für soziale Großzügigkeit bekannt. Dafür muss sich ihr Management manchmal Kritik internationaler Aktionäre anhören. „Aber in armen Ländern haben Firmen einfach mehr soziale Verantwortung als im Westen mit seinen Sozialsystemen“, wiegelt Ratan Tata ab.
Die Revitalisierung des ehrwürdigen Konglomerats, die dem 69-Jährigen gelungen ist, spiegelt Indiens industrielle Renaissance seit der Liberalisierung wider. 1991 erwirtschaftete die Gruppe keine vier Mrd. Dollar. Heute sind es 22 Mrd. Die Marktkapitalisierung ist auf 49 Mrd. Dollar gestiegen, und in 54 Ländern stehen über 200 000 Mitarbeiter auf der Gehaltsliste.

