Technisches Problem
Der Nano brennt

Drei Monate nach dem Verkaufsstart des viel beachteten Kleinstwagens Nano kämpft Hersteller Tata Motors mit einem technischen Problem. Ein folgenschwerer Kurzschluss schürt Bedenken über die Sicherheit des billigsten Autos der Welt. Eine Rückraufaktion sei indes nicht geplant.
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NEU-DELHI. Das billigste Auto der Welt neigt zum Kabelbrand. Ursache ist laut Tata ein Kurzschluss an einem Kombischalter für Scheinwerfer, Blinker und Scheibenwischer. Bisher wurden drei Fälle bekannt, in denen anschließend ein Schwelbrand ausbrach, der Teile der Kunststoffverkleidung zerstörte. Zu Schaden kam dabei niemand. Alle drei Fahrzeuge waren zum Zeitpunkt des Unglücks geparkt.

Ein Sprecher von Tata-Motors sagte auf Anfrage, ein Konstruktionsfehler als Ursache sei sehr unwahrscheinlich. Es handele sich bei den Kurzschlüssen um Einzelfälle und nicht um einen serienmäßigen Defekt. Automobilexperten allerdings widersprechen dieser Ansicht. Sie tippen auf ein Konstruktions- oder Materialproblem. Bei einem so einfachen Auto wie dem Nano fließe im geparkten Zustand normalerweise kein Strom, sagte der Entwicklungschef eines Zulieferers dem Handelsblatt. Dass es trotzdem zu Kurzschlüssen komme, sei alarmierend. In Deutschland würden bei solchen Vorfällen die betroffenen Modelle umgehend vom Hersteller zurückgerufen.

Tata Motors indes will eine Rückrufaktion wegen des drohenden Imageschadens unbedingt vermeiden. Der Nano wird in Indien ab umgerechnet 1 700 Euro verkauft. Wettbewerber hatten immer wieder den Verdacht geäußert, der beispiellos niedrige Preis gehe auf Kosten von Qualität und Sicherheit. Die nun aufgetretenen Probleme scheinen das zu bestätigen. Umso mehr kämpft Tata um den guten Ruf seines Winzlings, für den auch knapp ein Dutzend deutscher Firmen wichtige Zulieferteile herstellen. Der offenbar fehlerhafte Schalter kommt indes von dem indischen Unternehmen Minda.

Ein Rückruf aller bisher ausgelieferten 7 500 Nanos sei nicht nötig, verkündete Tata Ende vergangener Woche. Intern heißt es, da der Schaden nur bei geparkten Fahrzeugen aufgetreten sei, bestehe kein Sicherheitsproblem. Doch so ganz wohl scheinen sich die Inder mit dieser Argumentation nicht zu fühlen. Möglicherweise werde „als Vorsorgemaßnahme“ bei Werkstattbesuchen künftig die Elektrik überprüft, sagte der Tata-Sprecher. Auch in der Produktion soll es zusätzliche Kontrollen geben. Unterdessen nimmt der befürchtete Imageschaden bereits seinen Lauf. Einer der von dem Schwelbrand Betroffenen sagte der Zeitung „Hindustan Times“, er wolle den Nano zurückgeben und sich ein anderes Auto kaufen. Ein anderer forderte von Tata hohen Schadensersatz.

Es ist nicht der erste Rückschlag für Unternehmenschef Ratan Tata bei dem Vorhaben, Indien mit einem für die Massen erschwinglichen „Volkswagen“ zu beglücken. Ursprünglich hätte der Nano bereits im Herbst 2008 auf den Markt kommen sollen. Doch gewalttätige Proteste über die Landenteignung von Bauern brachten den Bau der fast fertigen Fabrik in Singur nahe Kalkutta zum Stillstand. Tata musste sich einen anderen Standort suchen. Die neue Fabrik in Sanand im Bundesstaat Gujarat kann aber erst ab August 2010 die Produktion hochfahren. Bis dahin fertigt das Unternehmen behelfsmäßig geringe Stückzahlen in einem deutlich kleineren Werk.

Der Volkswagen für Millionen ist deshalb noch immer ein Exot auf Indiens Straßen. Bis Ende März will Tata 40 000 Fahrzeuge ausgeliefert haben. Manche der 100 000 Besteller, die vergangenen April den Zuschlag für einen Nano bekommen hatten, müssen sogar bis Ende 2010 auf ihr Auto warten. Damit schrumpft Tatas Zeitvorsprung. Bisher hat kein anderer Hersteller das Know-how, ein so billiges Auto zu produzieren. Doch das muss nicht mehr lange so bleiben. General Motors will 2012 in Indien ein Konkurrenzmodell zum Nano auf den Markt bringen. Renault verhandelt über ein ähnliches Projekt mit dem indischen Motorradhersteller Hero.

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