Technologiekonzern
Siemens gibt schlechten Ausblick

Der Siemens-Konzern richtet sich auf eine längere konjunkturelle Flaute ein. Umsatz und operativer Gewinn werden bei Deutschlands größtem Technologiekonzern in diesem Jahr voraussichtlich sinken. Die Börsen reagierten trotz guter Zahlen mit einem kräftigen Kursrückgang auf den vorsichtigen Ausblick.Der Stellenabbau dürfte auch ohne neues Sparprogramm weitergehen.
  • 0

MÜNCHEN. Bisher ist Siemens besser durch die Konjunkturkrise gesteuert als viele Konkurrenten. Der Umsatz blieb im abgelaufenen Geschäftsjahr 2008/09, das am 30. September endete, zumindest stabil bei rund 77 Mrd. Euro. Die großen Konkurrenten wie General Electric oder Philipps hatten im bisherigen Jahresverlauf dagegen teils empfindliche Einbußen hinnehmen müssen. Beim operativen Ergebnis der Bereiche legte Siemens im Geschäftsjahr mit 7,5 Mrd. Euro sogar einen neuen Rekordwert hin.

Der Ausblick allerdings, er bleibt vorsichtig. "Wir stehen am Fuße eines Berges, der Aufstieg steht uns noch bevor", sagte Konzernchef Peter Löscher bei der Bilanz-Pressekonferenz. Im frühzyklischen Geschäft - wie zum Beispiel der Lichttochter Osram - rechnet Siemens erst in der zweiten Hälfte des Geschäftsjahres mit einer Erholung. In anderen Bereichen wie zum Beispiel bei der Gebäudetechnik und anderen Langzyklikern ist nach Einschätzung von Finanzvorstand Joe Kaeser dagegen nicht einmal der Boden erreicht. "Viele denken, wir sind schon längst im Aufschwung. Doch 2010 wird ein schwieriges Jahr."

Umsatzrückgang erwartet

Entsprechend zurückhaltend fällt denn auch der Ausblick aus. Beim Umsatz erwartet der Konzern 2009/10 organisch einen Rückgang im mittleren einstelligen Prozentbereich. Das operative Ergebnis der Sektoren Industrie, Gesundheit und Energie könnte auf 6 bis 6,5 Mrd. Euro sinken. Der zurückhaltende Ausblick sei für die Investoren eine Enttäuschung, urteilte Sal.-Oppenheim-Analyst Frank Rothauge und bestätigte sein "Reduzieren"-Urteil über die Siemens-Aktie. "Man fragt sich, ob die so konservativ sind oder ob man damit rechnen muss, dass die Margen weiter erodieren", sagte er. Ähnlich sahen das andere Analysten: Die Zahlen über, der Ausblick unter den Erwartungen. Mit einem Minus von fast fünf Prozent war die Siemens-Aktie Tagesverlierer im Dax.

Angesichts des schwachen konjunkturellen Rückenwinds ist es für den Konzern von Vorteil, dass er früh die Kosten reduziert hat. Im abgelaufenen Geschäftsjahr sank die Zahl der Beschäftigten weltweit im fortgeführten Geschäft um 22 000 auf 405 000. Dafür verantwortlich war vor allem das Abbau-Programm in Vertrieb und Verwaltung. Binnen zwei Jahren hat Siemens die Kosten so um 1,2 auf 10,9 Mrd. Euro gesenkt. Ein konzernweites Nachfolge-Sparprogramm soll es laut Löscher nicht geben: "Das Programm ist abgeschlossen."

Auch beim Einkauf hat Siemens gespart. Unter dem neuen Einkaufs-Vorstand Barbara Kux erhöhte der Konzern das zentral gebündelte Einkaufsvolumen von 12 auf 16 Mrd. Euro. Wenn nicht mehr jede Sparte für sich einkauft, sollen Synergien entstehen. Die Anzahl der Lieferanten wurde von 113 000 auf 97 000 gesenkt. "Weniger Lieferanten bedeuten mehr Effizienz und geringere Verwaltungskosten in diesem Bereich", sagte Löscher.

Offen ist, wie es mit den Arbeitsplätzen bei Siemens weitergeht. Die stellvertretende Gesamtbetriebsrats-Vorsitzende Birgit Steinborn hatte im Gespräch mit dem Handelsblatt gesagt, sie fürchte, dass in diesem Jahr nochmals 10 000 Stellen wegfallen könnten. Löscher sagte dazu zwar, es gebe dafür keinerlei Pläne. Allerdings müssten die einzelnen operativen Einheiten jede für sich prüfen, ob und an welcher Stelle sie Anpassungsbedarf sehen. Die IG Metall hatte dieses Vorgehen als Salami-Taktik kritisiert.

Sorgenkind des Konzerns bleibt das Gemeinschaftsunternehmen Nokia Siemens Networks (NSN). Siemens schrieb im abgelaufenen Geschäftsjahr 1,6 Mrd. Euro auf die Beteiligung ab - und damit einen noch größeren Betrag als der finnische Partner. Man habe die langfristigen Geschäftsaussichten bewertet, sagte Kaeser - und kam dabei offenbar zu einem noch negativeren Ergebnis als Nokia. Mit welchem Wert NSN noch in den Siemens-Büchern steht, wollte Kaeser nicht beziffern. "Wenn wir noch einmal so viel abschreiben würden, wäre nicht mehr sehr viel da", gab er aber eine Größenordnung an. Siemens ist noch bis zum Jahr 2013 an den Partner gebunden. Kaeser stellte klar, dass man jedenfalls wohl nicht gewillt sein werde, nach dieser Periode den Nokia-Anteil zu übernehmen.

Als wahrscheinlicher gilt in Finanzkreisen, dass sich Siemens liebend gern aus dem Gemeinschaftsunternehmen zurückziehen würde. Allerdings dürfte auch bei Nokia der Wunsch, Alleinbesitzer zu werden, nicht groß sein. Ein Käufer für NSN dürfte angesichts der schwierigen Branchenlage aber nur schwer zu finden sein.

Überraschender Nettoverlust im vierten Quartal

Analysten hatten zwar mit einer Abschreibung auf NSN gerechnet. Diese sei aber deutlich höher ausgefallen als erwartet, schrieb DZ-Bank-Analyst Karsten Oblinger. Unter dem Strich machte Siemens im Schlussquartal des Geschäftsjahres so einen überraschenden Nettoverlust von einer Mrd. Euro.

Insgesamt profitierte der Konzern von seiner breiten Aufstellung. Die größten Probleme hat derzeit der Energiesektor. Der Umsatz brach hier auf vergleichbarer Basis um acht Prozent ein, in der Division Industrie-Automatisierung waren es sogar 18 Prozent. Noch heftiger fielen die Rückgänge beim operativen Ergebnis und beim Auftragseingang aus.

Der Energiesektor dagegen hat in Sachen Umsatz weiter zugelegt. Allerdings profitiert Siemens hier vom hohen Auftragsbestand, der in den vergangenen Jahren eingesammelt wurde. Der Auftragseingang brach in dem wachstumsverwöhnten Geschäft um zehn Prozent ein. Lediglich die Medizintechnik konnte ihre Auftragseingänge - allerdings begünstigt durch Währungseffekte - noch einmal minimal steigern. Hier wird es für Siemens besonders spannend, wie es mit der Gesundheitsreform in den USA weitergeht - dem wichtigsten Markt für Medizintechnik.

Axel Höpner
Axel Höpner
Handelsblatt / Büroleiter München

Kommentare zu " Technologiekonzern: Siemens gibt schlechten Ausblick"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%