Testturm von Thyssen-Krupp
Das neue Weltwunder von Rottweil

Thyssen-Krupp baut in Rottweil einen Riesen-Zylinder, um dort seine modernsten Aufzüge zu testen. Auch die schwäbische Kleinstadt setzt auf den Turm, der schon beim Bau zum Publikumsmagneten wurde.

RottweilNach gut 700 Jahren ist der Kapellenturm im historischen Zentrum von Rottweil seinen Rekord los: So lange thronte er als einer der schönsten gotischen Kirchtürme Europas mit 70 Metern Höhe über der ältesten Stadt Baden-Württembergs. Doch jetzt ist die Ausnahmestellung als höchstes Gebäude der Stadt dahin. Thyssen-Krupp hat hier in einem Industriegebiet am Rande der Stadt einen 246 Meter hohen Testturm gebaut, der alles überragt.

Stararchitekt Helmut Jahn, für Konzeption und Design mitverantwortlich, nennt ihn schon das „Weltwunder von Rottweil“. Der Clou: Ummantelt wird der Turm von einer Hülle aus beschichtetem Glasfasergewebe, die ihm die Gestalt einer überdimensionierten Schraube gibt.

Doch während der mittelalterliche Kapellenturm vor allem aus kulturhistorischer Sicht seit Jahrhunderten entzückt, dient der Riesenzylinder des Industriekonzerns ganz profanen Zwecken. Hier will Thyssen-Krupp ab Ende des Jahres seine modernsten Aufzüge testen. Der Essener Traditionskonzern gehört zu den großen Aufzugsherstellern der Welt: Rund 7,2 Milliarden Euro setzte die Sparte zuletzt um und ist mit einer Marge in zweistelliger Höhe die Ertragsperle des Konzerns. Damit das auch so bleibt, hat der Konzern 40 Millionen Euro für den Bau seines derzeit größten Testturms rund 90 Kilometer südlich von Stuttgart investiert.

Hier kann er seine Aufzüge unter ganz realen Bedingungen in neun Schächten überprüfen. Herzstück des Rundturms ist ein aktiver Schwingungstilger — ein 240 Tonnen schwerer Betonblock, der an vier Doppelseilen in 190 Metern Höhe hängt. Viele Wolkenkratzer haben ein solches Pendel, das vom Wind ausgelöste Schwingungen ausgleichen soll. Bis zu 70 Zentimeter kann ein Hochhaus zu beiden Seiten schon mal schwanken. Diese Schwankung soll der Block auch im Thyssen-Turm ausgleichen. Gleichzeitig kann er über Motoren aber so aktiviert werden, dass er das Gebäude selbst in Schwingungen versetzt.

„Damit können wir das Verhalten eines jeden Gebäudes simulieren, bevor es gebaut wird“, sagte Andreas Schierenbeck, Chef von Thyssen-Krupp Elevator am Mittwoch in Rottweil. Denn je höher die Gebäude sind, umso anfälliger sind sie für den Wind. Aufzüge diesen realen Bedingungen zu unterwerfen und zu schauen, wie sie reagieren, ist zunächst einmal eine Frage der Sicherheit. Es ist aber auch eine des Komforts: „Das ist wie bei hohem Seegang“, sagte Schierenbeck. „Den Menschen wird einfach schlecht.“

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