Teures Spielzeug für Puristen
Geniale Ingenieure, miese Manager

Klein, edel, technisch perfekt – vor 54 Jahren stellt der Kamerahersteller Leitz Anfang April auf der Photokina in Köln die bis heute legendäre Leica M3 vor. Es sollte für Jahrzehnte die letzte Sternstunde des nordhessischen Traditionsunternehmens sein.

SOLMS/WIEN. Eine schlichte Kleinbildkamera in Silber und Schwarz drückt Peter Coeln seinem Besucher in die Hand. Mehr als fünf Jahrzehnte ist sie alt, mit einigen Gebrauchsspuren, aber funktionsfähig. „Für 100 000 Euro“, sagt Coeln mit seinem sympathischen Wiener Schmäh, „gehört sie Ihnen.“ Und lächelt.

Das ist kein Scherz, sondern ein durchaus realistisches Angebot. Es ist nicht irgendeine Kamera, die der Inhaber des Wiener Auktionshauses Westlicht Photographica hier zeigt. Sondern eine Leica, eine besondere Leica:ein Vorserienmodell der M3, ein Prototyp mit der Nummer „0010“. Für den Laien kaum von einer heute gebauten Leica zu unterscheiden, für leidenschaftliche Sammler eine absolute Rarität.

Die Leica M3 – wenige Kameras auf der Welt sind so legendär wie diese. „Für mich die schönste Leica“, sagt Peter Coeln, Leica-Händler und einer der bedeutendsten privaten Leica-Sammler Europas. „Eine der feinsten mechanischen Kameras, die je gebaut wurden“, schwärmt der Leica-Experte und Buchautor Erwin Puts. Selbst für ein nur halbwegs gut erhaltenes Serienmodell einer M3 mit einem Standard-Objektiv muss man um die 1000 Euro anlegen.

Vor 54 Jahren hat die Ernst Leitz GmbH aus Wetzlar die Kamera vorgestellt, am 3. April 1954 auf der Photokina in Köln. Neun Jahre nach Kriegsende, bevor Westdeutschland sein Wirtschaftswunder erlebte. Damals, als die Photokina noch im Frühjahr und nicht im Herbst stattfand, als das hessische Familienunternehmen Ernst Leitz einer der größten Kamerahersteller der Welt war und nicht ein Nischenanbieter.

Die M3 stand Pate für sämtliche Kameras des M-Systems, die die Firma seither auf den Markt gebracht hat – bis hin zur 4800 Euro teuren digitalen M8, der einzigen Digitalkamera „made in Germany“. Die bewegte Historie der M3 und ihrer Nachfolger, sie ist ein Stück deutscher Wirtschaftsgeschichte. Die einzelnen Kapitel, sie handeln von genialen Ingenieuren und von Präzisionsarbeit auf höchstem Niveau, vom Mythos einer großen Marke und von fotografischen Kunstwerken, aber auch vom Missmanagement und von verpassten Gelegenheiten.

Das „M“ in der Typenbezeichnung steht für Messsucher. Anders als bei Spiegelreflex-Kameras betrachtet der Fotograf bei der M-Leica den Bildausschnitt nicht durch das Objektiv, sondern durch einen separaten Sucher. Bis Ende der 60er-Jahre waren solche Kameras Standard.

Mit der M3 sicherte sich Leitz die Vormachtstellung auf dem Weltmarkt für Kameras. Bis 1966 wurde sie gebaut. Zusammen mit einem günstigeren Schwestermodell verkaufte Leitz über 310 000 Exemplare.

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