Textilindustrie
Das Geschäft mit der schmutzigen Wäsche

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Grausame Bilder

Einerseits kaufen deutsche Verbraucher Klamotten gern zu Schleuderpreisen: Zwei Drittel aller Textilien gehen über die Wühltische der Discounter. Andererseits verlangt König Kunde, dass sein T-Shirt fair und sauber hergestellt wird. Groß ist der Aufschrei, wenn im Fernsehen grausame Bilder laufen wie die von der Fabrik in Pakistan, in der vor wenigen Tagen fast 300 Arbeiter verbrannten.

Auch der deutsche Discounter Kik ließ dort Jeans nähen. Laut Dienstleistungsgesellschaft Verdi, die gerade eine internationale Kampagne für höhere Löhne in den Zulieferländern startete, kamen zwischen 2006 und 2010 allein in Bangladesch mehr als 550 Beschäftigte bei Fabrikbränden ums Leben. Aber für die Hose mehr bezahlen, damit die Standards in den Fabriken besser werden? So groß ist das schlechte Gewissen der Kunden nicht.

Der Grat zwischen billig und fair ist schmal: Jeder Skandal, jeder Brand kann Marken zerstören. Die Furcht davor ist jenseits philanthropischer Manöver der Grund dafür, dass die Branche dem Thema Corporate Social Responsibility (CSR) so viel Aufmerksamkeit widmet wie nie. Wie schwierig es für Händler ist, die Lieferwege aus einem Entwicklungsland wie Bangladesch sauber zu halten, zeigen Besuche in acht zufällig ausgewählten Textilfabriken. Getarnt als Berater deutscher Mode-Einkäufer traf der WirtschaftsWoche-Reporter Florian Willershausen auf die ungeschminkte Realität.

Der Alltag spielt jenseits der Hauptstraßen. Unser Auto schwankt wie eine Barke, als es sich über eine unbefestigte Dorfstraße nordwestlich des Flughafens Dhaka kämpft. Links fließt ein Rinnsal, das Wasser glänzt dunkelblau. In der Nachbarschaft muss eine Färberei in Betrieb sein. Vor dem Tor der Fabrik der Fortis-Gruppe, die auf sechs Fabriketagen unter anderem für Aldi Süd fertigt, hängt ein Schild: Kinder müssen draußen bleiben. Mal schauen.

Der Fabrikchef leistet sich Feuerlöscher und einen klimatisierten Vorführraum. Im Lager aber stapelt sich "böse Baumwolle", wie sie in der Branche heißt. "Made in Usbekistan", steht auf den Kisten, bezogen vom Importeur Veola, der zum indischen Rohstoffriesen Indo Rama gehört. Böse ist die Baumwolle, weil die Regierung Kinderarbeit fördert: In Usbekistan bekommen die Schüler im Oktober frei, um bei der Baumwollernte mitzuhelfen. Die Ware von der Seidenstraße ist qualitativ gut. Wegen der Kinderarbeit behauptet im Westen aber jeder Hersteller, sie zu boykottieren.

Im Vorführraum des Lieferanten hängen Pullover des italienischen Labels Benetton. Bei unserem Besuch ist die Fabrik mit der Produktion von Rollis der Aldi-Hausmarke Crane Kids ausgelastet. An den Kragen klebt das Gänseblümchen des Prüfinstituts Hohenstein, der Oeko-Tex Standard 100. Von Ökokontrolleuren ist in der Fabrik aber nichts zu sehen. Der Prototyp wird aus Dhaka zu Hohenstein geschickt und dort geprüft. Eine halbe Million Teile in drei Farben hat Aldi Süd über den Importeur Güldenpfennig aus dem niedersächsischen Quakenbrück geordert, das Teil im Einkauf für 2,97 Dollar. Im Laden dürfte es mindestens das Vierfache kosten.

Kommentare zu " Textilindustrie: Das Geschäft mit der schmutzigen Wäsche"

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  • Die Profitgier, die exorbitanten Handelsmargen der großen
    Handelshäuser kennt keine Grenzen und keine Moral.
    Würde man mit der Hälfte der Gewinnmargen zufrieden sein, kein Teil in Deutschland wäre teurer!!!
    Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein, schreibt Karl Marx.

  • Danke für den ganz hervorragenden Artikel. Schade nur, dass er schnell wieder auf der Homepage versteckt wurde.

    Ein weit weniger schmerzhafter, dennoch ärgerlicher, Aspekt für den hiesigen Verbraucher ist allerdings, die deutliche Abnahme von Produktqualität, auch bei teurer Markenware. Die tatsächliche Vielfalt bei Artikeln des täglichen Bedarfs hat sich in den letzten 25 Jahren stark vermindert. Echte Innovationen bleiben oft aus.

    Es handelt sich hierbei nicht nur um meinen persönlichen Eindruck. Eine Reihe von Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern, von Menschen die ihr Berufsleben im im Verkauf verbracht haben bis hin zur millionenschweren Kaufhauserbin, haben mir das bestätigt.

    Es gibt viele Konsumenten, die bereit sind, für ordentliche Qualität auch gut zu zahlen. Die fühlen sich zunehmend vom Handel betrogen. Auch ich mache um eine ganze Reihe von Markennamen inzwischen einen großen Bogen. Von BOSS und Co. möchte ich nichts mehr wissen. So habe ich vor kurzem ein absolut identisches Herrenoberhemd in dem einen Geschäft für 26,- Euro gefunden, das, unter einem angesagten Label, in einem anderen Geschäft 170,- kostete.

  • Wie China vor 20 Jahren leidet Bangladesch unter frühkapitalistischen Geburtswehen.

    Wie China vor 20 Jahren???
    Nanu, ich kann mich erinnern, dass in der Provinz Jiangxi vor 12 Jahren eine Schule in die Luft geflogen ist, weil die Schüler vom Lehrer dazu verdonnert worden waren, Feuerwerkskörper zusammen zu bauen. Der Lehrer hatte seit längerem keinen Lohn mehr bekommen und sah sich also gezwungen sein Einkommen auf diese Art zu generieren.

    Die Gebährende liegt noch immer im Kreissaal würde ich sagen.

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