Textilindustrie: Wie China grüner werden soll

Textilindustrie
Wie China grüner werden soll

Verseuchte Flüsse, Müllberge, Smogalarm: Die Umweltverschmutzung in China ist verheerend. Die Regierung steckt Milliardenbeträge in grüne Projekte, das Umweltbewusstsein der Chinesen wächst und Öko-Mode ist im Kommen.
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PekingDas alte China befindet sich draußen vor der Tür: In klebriger Hitze wirbeln Bauarbeiter Staubwolken auf, lassen ihre rußenden Baumaschinen aufknattern, werfen ihre Plastikflaschen beiseite. Durch die Tür hindurch im Innenraum befindet sich das Fotostudio HeeKa. Es zeigt das neue China: Reinweiß getünchte Wände, karge Einrichtung, leise Konversation perlt durch die kühle Luft. In der Mitte des Raumes hängt auf drei Kleiderstangen die neue Herbst-Kollektion von NEEMIC. Das Öko-Label aus Peking präsentiert Kleidungsstücke für die kommende Saison. Hippe Hauptstädter betrachten die Muster, befühlen die Stoffe, loben die Schnitte – und unterhalten sich über ökologische Baumwolle und umweltfreundliche Färbemittel.

Nach zahlreichen Umweltskandalen erwacht in China das Bewusstsein für Natur und Gesundheit. Der Druck der Bevölkerung auf die Regierung wächst, die Umweltverschmutzung wieder einzudämmen. Gleichzeitig ändert sich das Konsumverhalten: Bio-Lebensmittel sind nichts Neues mehr. Jetzt ist auch grüne Mode im Kommen – wie die von NEEMIC. 

Mit 30 Stück ist die aktuelle Kollektion zwar noch überschaubar – genauso wie das Publikum bei der Präsentation. Doch die Schicht der gebildeten und zahlungskräftigen Chinesen wächst und damit die Nachfrage nach grünem Design, meint Alice Zhao, Textil-Expertin für China am Institut für Marktökologie (IMO), das weltweit nachhaltige Produkte zertifiziert: „Ökologische Mode ist ein großer Trend in China. Denn immer mehr Menschen sorgen sich um die Umwelt und ihre Gesundheit.“

Wie die grüne Bewegung in China ist auch NEEMIC noch jung: Vor zwei Jahren gründete Hans Martin Galliker zusammen mit der Modedesignerin Amihan Zemp das Öko-Label. Die beiden Schweizer haben bewusst Peking für ihr Modeprojekt gewählt, denn China sei in Bewegung, die Hauptstadt eine kreative Spielwiese.

Galliker ist ursprünglich gelernter Bio-Landwirt und interessiere sich für alles, was mit Nachhaltigkeit zu tun hat. NEEMIC ist eines seiner zahlreichen grünen Projekte in China. Momentan besteht die NEEMIC-Kollektion nur zu 25 Prozent aus Öko-Stoffen. Denn der Markt für grüne Textilien in China ist erst im Entstehen. Doch das hindert NEEMIC nicht daran, sich ihrem Ziel langsam anzunähern. „Wir machen in erster Linie schöne Mode, die wir so ökologisch wie möglich herstellen und fair handeln“, sagt Galliker. Und schon die nächste NEEMIC-Kollektion könnte zur Hälfte aus Bio-Stoffen bestehen. Denn die chinesischen Textilproduzenten schwenken langsam auf grün um – auf Druck von Peking.

Die Emanzipation der Mittelschicht

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Denn die chinesische Regierung hat sich nun groß Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben, nimmt nun auch die heimische Industrie in die Zange. Denn inzwischen wiegelt die verheerende Umweltzerstörung nicht nur die Bevölkerung auf, sondern steht auch dem Wohlstand im Weg: Schon jetzt betragen die Folgekosten laut Weltbank sechs Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Rund 70 Prozent der Flüsse und Seen in China sind verseucht. Die Luftverschmutzung erreicht Spitzenwerte. Lungenprobleme und Krebserkrankungen nehmen zu. Fast 800.000 Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen der Umweltverschmutzung.

Die chinesische Regierung geht die Umweltverschmutzung nun mit einer Doppelstrategie an: Einerseits pumpt sie die Unsumme von rund 530 Milliarden Euro in grüne Projekte. Andererseits erlaubt es eine Rechtsvorschrift Peking neuerdings, Umweltsünder hart zu bestrafen, in besonders schweren Fällen sogar mit dem Tod.

So wird auch die chinesische Modeindustrie zum Umdenken gezwungen. Denn die chemischen Substanzen für Düngen, Färben oder Gerben machen die Textilproduktion zu einer der schmutzigsten Industrien. China ist weltweit der größte Textilproduzent und Absatzmarkt für Kleidung. Die Regierung befürchtet außerdem, dass der Westen bald Zölle auf nicht-grüne Kleidung einführen könnte.

Deshalb sollen sich die chinesischen Textilproduzenten nun um Gewässerschutz kümmern und ökologische und recycelte Materialien verwenden. Bis 2015 müssen Textilien zu 15 Prozent aus recycelten Stoffen bestehen. „Die Textilproduzenten haben Angst vor den Strafen und achten deshalb immer mehr auf umweltfreundliche Produktionsbedingungen“, sagt Christina Dean, Chefin der Hongkonger Nichtregierungsorganisation (NGO) Redress, die sich für eine umweltfreundliche Textilindustrie in Asien einsetzt.

Ein „Ergrünen“ der Textilindustrie würde auch dem chinesischen Verbraucher entgegenkommen. Die Mittelschicht emanzipiere sich in der Mode zunehmend von Markendenken und Fast Fashion, meint IMO-Expertin Zhao. Stattdessen lägen sie bei ihrer Kleidung mehr Wert auf individuelles Design, Qualität und Nachhaltigkeit.

Vertriebspartner in Europa gesucht

Laut Green Brand Survey 2011 haben sich zwei Drittel der Befragten in China vorgenommen, zukünftig mehr grüne Produkte zu kaufen – über doppelt so viele wie in Deutschland. 95 Prozent der Chinesen würden für Nachhaltigkeit sogar mehr bezahlen, nur 60 Prozent in Deutschland. Vor allem mangelnde Auswahl und Angebot hindert die Chinesen momentan noch daran, zu grünen Konsumenten zu werden.

Über mangelnde Nachfrage kann sich das Pekinger Mode-Label NEEMIC deshalb nicht beklagen. Nach nur zwei Jahren hat Galliker schon zehn Vertriebspartner, vor allem in China. Aber auch das berühmte Londoner NOT JUST A LABEL, das Nachwuchs-Designer fördert, vertreibt NEEMIC-Mode über ihren Online-Shop weltweit. Weitere neun Vertriebspartner haben Interesse signalisiert, darunter auch ein Laden in der Münchner Innenstadt.

Was NEEMIC jedoch am Wachsen hindert, ist der leere Geldbeutel: Galliker hat momentan nicht genug Kapital, die Läden seiner Vertriebspartner mit NEEMIC-Mode auszustatten. Er müsste in Vorproduktion gehen, eine höhere Anzahl an Kleidungsstücke in Vorleistung anfertigen. Auch um mehr Mitarbeiter für Marketing oder Produktion einzustellen, bräuchte Galliker eine Finanzspritze. Mit guten 90.000 Euro wäre nach einem halben Jahr die Gewinnschwelle erreicht. Bisher war die Suche nach einem Finanzgeber vergeblich. Doch Galliker ist optimistisch: „In Peking ist alles möglich – es dauert nur manchmal ein wenig länger.“

Laura-Patricia Montorio
Laura-Patricia Montorio
Handelsblatt / Redakteurin

Kommentare zu " Textilindustrie: Wie China grüner werden soll"

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  • Der Artikel sollte wohl Anlass zur Freude sein... Die Realitaet sieht aber doch anders aus.
    Nach den Giften in Kinderspielzeug, das immer noch in Asien verkauft wird, hat man jetzt tonnenweise in China Fleisch gefunden, das als Rindfleisch deklariert ist, aber aus Abfaellen verschiedenster Tiere stammen soll, mit Wachs und Chemikalien geschmacklich und physisch veraendert.

    Man behauptet in Asien, dass die Chinesen die besten Business Leute haben. In der Tat gehoeren ueberdurchschnittlich viele Unternehmen ausserhalb Chinas den Chinesen. Z.B. saemtliche Kaufhaeuser in den Philippinen und auch die nationale philippinische Fluggesellschaft sind in chinesischer Hand. Unbestaetigt sind hohe Summen an Politiker geflossen, um die Vielzahl chinesischer Unternehmen zu lancieren.

    Dann bedeutet business bei den Chinesen: Betruegen und damit reich werden.

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