Thames Water muss veraltetes Leitungsnetz modernisieren
Experte: Thames Water dürfte keine Dividende mehr zahlen

Philip Fletcher, Chairman der britischen Wasser-Regulierungsbehörde Ofwat, hat im Gespräch mit dem Handelsblatt Kritik am Management der RWE-Tochter Thames Water geübt. Er warnt davor, das Unternehmen im Zuge des geplanten Verkaufs mit Schulden zu überladen.

LONDON. Ofwat werde nicht zulassen, dass der Londoner Wasserversorger mit seinen 13 Millionen Kunden wegen finanzieller Engpässe seinen Verpflichtungen nicht nachkommen könne. Thames Water wird in den kommenden Jahren Milliarden investieren müssen, um die Wasserversorgung der Metropole zu sichern und das veraltete Leitungsnetz zu modernisieren.

Handelsblatt: Wegen der Dürre im Südosten Englands hat Thames Water die Kunden gezwungen, ihre Autos nicht mehr zu waschen und die Gärten nicht mehr zu wässern. Gleichzeitig hat das Unternehmen seine Ziele verfehlt, die Zahl der Lecks in Leitungen zu reduzieren. Teilen Sie die öffentliche Erregung über Thames Water?

Fletcher: Thames Water ist mehr als jeder andere Wasserversorger an der Aufgabe gescheitert, die Lecks in den Leitungen unter Kontrolle zu bringen. Da haben sich die Kunden natürlich gefragt, warum sie dann Wasser sparen sollten. Darum haben wir mit dem Unternehmen rechtlich bindend vereinbart, dass es seine Investitionen deutlich steigern muss – und zwar auf Kosten der Eigentümer und nicht der Kunden.

Handelsblatt: Die öffentliche Kritik bezog auch RWE ein. Der Vorwurf war, der Konzern habe zu viel Geld aus Thames Water herausgeholt. Teilen Sie auch diese Kritik?

Fletcher: Jeder Eigentümer muss für seine Investitionen ordentlich entlohnt werden. Aber bei einem Unternehmen mit solcher öffentlicher Verantwortung muss er gut überlegen, was er nimmt und wann. Wir müssen darauf achten, dass kein Eigentümer so viel aus dem Unternehmen herauszieht, dass es in Gefahr gerät, seine Aufgaben nicht mehr erfüllen zu können. Damit will ich nicht sagen, dass RWE das getan hätte.

Handelsblatt: Warum haben Sie ihr regulatorisches Instrumentarium um die „Cash lock-up“-Bestimmung erweitert, mit der sie ein Unternehmen zwingen können, die Dividendenzahlungen einzustellen, wenn die Verschuldung zu hoch wird?

Fletcher: Wir überprüfen permanent, ob unsere Regeln noch ausreichend Schutz für die Verbraucher bieten. Anfang des Jahres haben wir mit der Energie-Regulierungsbehörde Ofgem Erfahrungen ausgetauscht. Sie haben bereits die „Cash lock-up“-Regel. Sie bedeutet einfach, dass Dividenden automatisch untersagt sind, wenn ein Unternehmen am unteren Ende des Investment-Niveaus anlangt, wie es von den Rating-Agenturen in ihren Bonitätsbewertungen festgelegt wird.. Es geht uns darum, dass regulierte Unternehmen geschützt sind und ihre Verpflichtungen auch dann einhalten können, wenn ihre Ratings sinken.

Handelsblatt: Welches Rating streben sie also für die Wasserversorger mindestens an?

Fletcher: Wir streben kein bestimmtes Rating an. Wir erwarten, dass die Wasserversorger ihr Rating bequem auf Investment-Niveau halten – mit Sicherheitsabstand nach unten. Die City scheint das so zu interpretieren, dass wir ein Rating um „A-„ oder „BBB+“ wollen. Wenn die Rating-Agenturen also ein Unternehmen auf ihre Watchlist setzen, mit negativer Tendenz, und die nächste Herabstufung würde bedeuten, dass sie aus dem Investment-Niveau herausfallen, dann würden wir wahrscheinlich einschreiten. Ganz genau definiert ist das noch nicht.

Handelsblatt: Und dann dürfte ein Unternehmen keine Dividenden mehr auszahlen?

Fletcher: Nicht bevor es sein Problem gelöst hat. Das Problem entsteht durch ineffizientes Management, also ist es kein Problem für den Regulierer.

Handelsblatt: Und für Thames Water wollen Sie die Regel zum ersten Mal anwenden?

Fletcher: Ja, wenn das Unternehmen verkauft wird, wird das Teil der Bestimmungen in der neuen Lizenzvereinbarung sein. Aber auch wenn RWE Thames Water behält, werden wir die neue Regel anwenden. Der Auslöser ist die Umstrukturierung der Schulden, die RWE vorgenommen hat.

Handelsblatt: Rechnen Sie damit, dass die “Cash lock-up”-Klausel Auswirkungen auf den Verkauf von Thames Water hat?

Fletcher: Das erwarte ich nicht. Wir sehen das nicht als großen Schritt, und die City hat es auch nicht so gesehen. Wir signalisieren damit, wie ernst wir es nehmen, dass die Wasserfirmen auf Investment-Niveau bleiben.

Handelsblatt: Aber die Klausel hindert einen Käufer daran, Thames Water mit Schulden zu überladen?

Fletcher: Das ist ein anderes Thema, das wir gerne mit den potenziellen Käufern diskutieren wollen. Die Wasserfirmen mit ihren großen Investitionsprogrammen brauchen langfristige Perspektiven und einen Verschuldungsgrad, der ausschließt, dass sie wegen einer zu dünnen Kapitaldecke in Probleme geraten.

Handelsblatt: Wäre es Ihnen lieber, dass RWE an Finanzinvestoren verkauft oder dass Thames Water an die Börse geht?

Fletcher: Das muss RWE bestimmen. Ich habe immer gesagt, dass es dem Regulierer hilft, die unabhängigen Informationen zu bekommen, die börsennotierte Unternehmen geben müssen. Aber der Markt hat sich nun einmal so entwickelt, dass die Zahl der börsennotierten Wasserversorger sinkt und wir akzeptieren das.

Handelsblatt: Wer auch immer der neue Eigentümer wird, Thames Water stehen in den kommenden Jahren hohe Investitionen bevor.

Fletcher: Ja, die Investitionen müssen beschleunigt werden. Thames Water hat sich bereits verpflichtet, bis 2010 das Arbeitspensum eines Jahres zusätzlich in den Austausch von Wasserleitungen in London zu stecken. Das wird mindestens 150 Millionen Pfund extra kosten. Sie müssen gleichzeitig Leitungen austauschen und Lecks finden und reparieren. Auch nach 2010 wird das ein wichtiger Teil ihres Programms ein. Wir werden uns 2009 auf ein neues Investitionsprogramm einigen, dass dann ab April 2010 gilt.

Handelsblatt: Doch die Reparatur des maroden Leitungsnetzes ist noch längst nicht alles, oder?

Fletcher: Das stimmt. Letzte Woche hat Thames Water den Beratungsprozess für ein sehr großes neues Wasserreservoir bei Oxford begonnen. Und es wird geprüft, ob ein großes Investment in die Verbesserung des Abwassertransports in die Themse nötig ist. Kurzfristig steht die Entscheidung an, ob eine Entsalzungsanlage im Osten Londons gebaut wird. Wir unterstützen diesen Plan, weil wir neue Wasserquellen brauchen.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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