Theaterstück zu den Nokia-Entlassungen
Diskutieren in der Brezelzelle

In Bochum probt das Theater für die heraufziehende Rezession. Regisseur Frank Abt hat sich hierfür den Fall Nokia vorgenommen und entlassene Mitarbeiter und Betriebsräte des finnischen Telekommunikationsnkonzerns interviewt. Die so entstandenen Texte werden in dem Stück „Connecting People“ nahezu ungefiltert wiedergegeben.

BOCHUM. Diese Arbeitsplätze hier in der Montagehalle, berichtet der Mann in dem Kittel mit dem Nokia-Aufnäher, diese Arbeitsplätze haben sie damals „Brezelzellen“ genannt. Wegen der symmetrischen Form der Werkbänke, „weil beide Seiten gleich lang waren“. Damals – das war vor dem 15. Januar 2008, bevor das finnische Nokia-Management entschied: Wir schließen das Handy-Werk in Bochum, weil es teurer produziert als andere. Nur: Der, der hier mit Leidenschaft von seinem verlorenen Arbeitsplatz erzählt, ist kein entlassener Arbeiter. Es ist ein Schauspieler.

In Bochum probt das Theater für die heraufziehende Rezession. Den Fall Nokia hat sich Regisseur Frank Abt vorgenommen für eine Fingerübung zum Umgang mit der Krise, denn inzwischen hat sogar das renommierte Schauspielhaus Bochum seine Gewissheiten verloren, seine Antworten. Für seine Inszenierung „Connecting People“ hat Abt deshalb Menschen befragen lassen: entlassene Arbeiter, Betriebsräte – aber auch die finnische Vize-Kommunikationschefin von Nokia und einen mittelständischen Unternehmer.

Die so entstandenen Texte bringt er, weitgehend ungeschönt, auf die Bühne. Eine Inszenierung, streckenweise wie ein Dokumentarfilm: Mit den Worten des Betriebsrats erklärt ein Schauspieler bedrückt, warum der internationale Wettbewerb zwischen den Nokia-Standorten einen Streik ad absurdum geführt hätte. In der Rolle der Nokia-Vertreterin rezitiert ein anderer in internationalem Business-Englisch die Beteuerung, das Unternehmen habe aus der Rezession Anfang der 90er-Jahre gelernt und sei nunmehr von den Umständen zum Handeln gezwungen gewesen. Die aufgesetzte Fröhlichkeit der Corporate-Identity verkommt zur Manie des Getriebenen. So entsteht ein gemischtes, uneindeutiges Bild.

Symptomatisch ist der Umgang des örtlichen Nahverkehrsunternehmens mit dem Fall. Eine Videoeinspielung zeigt, wie es seinen Regionalexpress „Nokia-Bahn“ trotzig in „Glück-Auf-Bahn“ umbenennt – und dabei mit einem alternden Bergmannschor hilflos nur an eine ältere Krise, an andere Entlassungen erinnert. Eindeutige Antworten auf die Krise als Dauerzustand der Wirtschaft fehlen an allen Enden.

„Selbst ehemalige Arbeiter entziehen sich den Argumenten des Nokia-Managements nicht“, hat Regisseur Abt beobachtet, als er die Gespräche mit Menschen in Bochum aus den Monaten Mai bis Oktober ausgewertet hat. „Die Einseitigkeit von Täter und Opfer, Gut und Böse funktioniert in der Globalisierung nicht mehr.“

Auf eine Zuspitzung des Konflikts will er daher bewusst verzichten, und beteuert, mit gleicher Empathie an alle Gesprächspartner herangegangen zu sein. Auf der einen Seite hilft dem 32-Jährigen dabei, neben Theaterwissenschaft auch Betriebswirtschaft studiert zu haben, auf der anderen Seite das Gefühl, im Kulturbetrieb ähnlich befristet wie ein Leiharbeiter zu arbeiten.

Zum Schluss nimmt sich die Inszenierung gänzlich zurück. Die Darsteller fordern das Publikum in der kleinen Spielstätte im Keller des Schauspielhauses auf, sich auf einander gegenüberstehende Bänke zu setzten. Es gibt Bier und Brezeln.

Und tatsächlich: Die Menschen diskutieren über Nokia, über Solidarität, aber auch über notwendige Sparprogramme. So erreicht das Theater in der Krise ganz ohne eigene Antworten mehr als oft zuvor mit klaren Botschaften: eine offene Diskussion.

„Connecting People – Ein Nokia Projekt“ von Frank Abt, Schauspielhaus Bochum, nächste Termine: 21. Dezember, 6. Januar, 21. Januar.

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