Industrie

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Thyssen-Krupp-Chefaufseher: Lehner wird Crommes Nachfolger

Der Favorit macht das Rennen: Ulrich Lehner wird neuer Aufsichtsratschef bei Thyssen-Krupp. Schon im März soll er als Nachfolger von Gerhard Cromme gewählt werden. Seinen Posten als Chefkontrolleur bei der Telekom wird er aufgeben.

Neuer Chefaufseher von Thyssen-Krupp wird der frühere Henkel-Chef Ulrich Lehner. Quelle: dpa
Neuer Chefaufseher von Thyssen-Krupp wird der frühere Henkel-Chef Ulrich Lehner. Quelle: dpa

EssenDer frühere Henkel-Chef Ulrich Lehner soll den angeschlagenen Stahlkonzern ThyssenKrupp als Aufsichtsratsvorsitzender aus der Krise holen. Lehner soll das Amt vom langjährigen Chefaufseher Gerhard Cromme übernehmen, der den Posten angesichts schwerer Belastungen aus der jüngsten Vergangenheit niedergelegt hatte. Sowohl die Arbeitgeber- als auch die Arbeitnehmervertreter hätten sich auf Lehner geeinigt, teilte das Unternehmen am Mittwochabend in Essen mit.

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Lehner gehört dem ThyssenKrupp-Aufsichtsrat bereits seit 2008 als Mitglied an. Er soll am 19. März gewählt werden. Andere Mandate, wie den Vorsitz des Telekom-Aufsichtsrates, werde er niederlegen.

Lehner soll den aus den Fugen geratenen Traditionskonzern wieder zusammenschmieden. Der Bau von Stahlwerken in Brasilien und den USA hat dem Konzern Milliardenverluste eingebracht. Gleichzeitig ist das einst so stolze Essener Unternehmen Vorwürfen von verbotenen Kartellabsprachen und sogar der Korruption ausgesetzt.

Die Baustellen von Thyssen-Krupp

  • Schwere Krise

    Der Industriekonzern Thyssen-Krupp steckt in einer der schwersten Krisen seiner Geschichte. Mindestens 2000 Stellen sollen in den nächsten Jahren im europäischen Stahlgeschäft gestrichen werden. Ein Überblick über die größten Baustellen.

  • Stahlwerke in Übersee

    Was der Aufstieg zum weltumspannenden Stahlkonzern werden sollte, endete als Investitionsruine. Fehlplanungen ließen die Kosten explodieren. Schließlich belief sich die Gesamtrechnung auf rund zwölf Milliarden Euro für die riesigen Anlagen in Brasilien und im US-Bundesstaat Alabama. Thyssen-Krupp sieht inzwischen keine Chance mehr, die Anlagen unter dem eigenen Dach profitabel zu machen. Geplant auf dem Höhepunkt des Stahlbooms Mitte des vergangenen Jahrzehnts passen die Annahmen heute nicht mehr. Im Mai vergangenen Jahres stellte Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger die Werke zum Verkauf.

  • Schelte von den Aktionären

    Auf der Jahreshauptversammlung Mitte Januar musste sich die Thyssen-Krupp-Führungsriege heftige Schelte von den Aktionären gefallen lassen. Trotz aller Anstrengungen in der Vergangenheit sei es nicht gelungen, Fehlentwicklungen zu verhindern, räumte Aufsichtsratschef Gerhard Cromme ein. „Rechtlich korrekte Entscheidungen bedeuten nicht zwangsläufig auch gute unternehmerische Entscheidungen.“ Konzernchef Hiesinger zeigte sich zuversichtlich, den geplanten Verkauf der Stahlwerke des Konzerns in Brasilien und den USA bis zum Herbst abschließen zu können. Der Verkauf gehe voran. Bei den Stahlwerken handele es sich um die „größte Baustelle“ des Konzerns.

  • Schulden

    Durch den Bau der neuen Stahlwerke sind die Schulden auf mehr als 5 Milliarden Euro gestiegen. Seit Jahren verbrennt der Konzern Geld. Dadurch sind auch Investitionen in Wachstumsfelder schwierig.

  • Dubiose Geschäfte

    In der Vergangenheit war der Konzern in zahlreiche Kartelle verstrickt - nach unerlaubten Absprachen im Edelstahlsektor und bei Rolltreppen machte zuletzt ein Schienenkartell Schlagzeilen. Thyssen-Krupp wurde jeweils zu hohen Strafen verdonnert und muss sich auf Schadensersatzansprüche einstellen. Hinzu kommen Vorwürfe, dass Mitarbeiter mit zweifelhaften Zahlungen Geschäfte im Ausland angestoßen haben sollen. Cromme betonte auf der Hauptversammlung, dass derartige Verstöße vom Aufsichtsrat „mit Nachdruck“ verurteilt würden.

Die aktuellen Herausforderungen, der zeitnahe Verkauf von Steel Americas und die Notwendigkeit, den bereits begonnen umfassenden Veränderungsprozess weiter voran zu treiben, erfordern eine umfassende Handlungsfähigkeit des Aufsichtsrates“, betonte das Unternehmen. Das sei der Grund für die interne Lösung mit Lehner.

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Sein Vorgänger, der Stahl-Manager Gerhard Cromme, hatte angekündigt, sich zum 31. März vollständig aus dem Unternehmen zurückzuziehen. Er wurde – zuletzt auf der Hauptversammlung – für die Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre mitverantwortlich gemacht. Als Nachfolger war auch der ehemalige Hochtief-Chef Hans-Peter Keitel im Gespräch, der ebenso wie Lehner bereits in dem Aufsichtsgremium von ThyssenKrupp sitzt. Lehner, Jahrgang 1946, arbeitete vor 20 Jahren schon einmal bei der damaligen Friedrich Krupp AG. Von 2000 bis 2007 leitete er den Düsseldorfer Henkel-Konzern.

Diesen Einfluss hat die Krupp-Stiftung auf den Konzern

  • Größter Einzelaktionär

    Die nach dem Tod von Alfried Krupp testamentarisch verfügte Kruppstiftung nahm 1968 ihre Arbeit auf. Sie war anfangs alleiniger Eigentümer der Fried. Krupp GmbH. Alfrieds Sohn Arndt hatte auf sein Erbe verzichtet. Heute hält sie 25,3 Prozent am Dax-Konzern Thyssen-Krupp und ist damit größter Einzelaktionär. Neben der Förderung von Kultur, Wissenschaft und sozialen Projekten hat die Stiftung auch den Satzungsauftrag, die Einheit des Unternehmens zu wahren.

  • Vertreter im Aufsichtsrat

    Mit ihrer Sperrminorität ist die Stiftung auch ein Bollwerk gegen feindliche Übernahmen. Seit 2007 nutzt die Stiftung außerdem mit Billigung einer Hauptversammlungsmehrheit die gesetzliche Möglichkeit, drei Vertreter direkt in den Aufsichtsrat zu entsenden.

  • „Stahl-Festung“

    Wenn die 10 Arbeitnehmervertreter und die Stiftungsentsandten sich einig sind, können sie mit zusammen 13 von 20 Stimmen im Aufsichtsrat Angriffe abwehren oder doch deutlich erschweren. Das „Manager Magazin“ nannte die Konstruktion eine „Stahl-Festung“. Eine Aktionärsklage dagegen wurde in zwei Instanzen abgewiesen, und der Bundesgerichtshof lehnte eine Revision ab. Vergeblich argumentierte der Kläger, dass das Mehrheitsprinzip verletzt werde.

  • Sitz in Villa Hügel

    Angesichts des hohen Aktienanteils und des zusätzlichen Entsenderechtes verfügt die Kruppstiftung de facto über erheblichen Einfluss auf die Entscheidungen im Konzern. Ihren Sitz hat die Stiftung an historischer Stelle: Im Park gegenüber der Villa Hügel, die bis 1945 Wohnsitz der Krupp-Familie war.

Cromme nimmt zudem auch bei der mächtigen Krupp-Stiftung seinen Hut, die gut 25 Prozent der ThyssenKrupp-Anteile hält. Stiftungschef Berthold Beitz muss einen Nachfolger suchen. Nach Handelsblatt-Informationen könnte der ehemalige ARD-Intendant Fritz Pleitgen den 99-jährigen Beitz an der Spitze der Stiftung beerben. Der gebürtige Duisburger Pleitgen war erst am 13. Februar in das Kuratorium berufen worden. Thyssen-Krupp wollte sich zu dieser Personalie nicht äußern.

  • 13.03.2013, 21:46 Uhr

    So the way to go forward according to Mr. Beitz, is to elevate a guy who belonged to the board of bystanders who watched and watched and watched while the company burned down, as well as the guy who approved a ridiculous golden parachute which was not reported to shareholders in a timely and transparent fashion.

    The whole AR-board should have been fired along w Chromme.

    Another fehlentscheidung working against transparency and good governance by The Stiftung.

    (The only positive news here is that Lehner will resign from all his other board commitments to focus his powers 100% on ThyssenKrupp.

  • 13.03.2013, 23:07 Uhr

    Der Klebstoff- und Waschmittelprofessor Lehner hat jahrzehntelang einen Konzern verwaltet, der wild durch die deutsche und europäische Handelslandschaft Regallistungen gekauft, unter Einstand verkauft, Preise "kalibriert" und Konditionen durchdiskriminiert hat.

    Er ist zweifellos der beste Bock, den man hier zum Gärtner machen konnte !!

  • 16.03.2013, 13:45 Uhr

    The only good thing about the appointment of Mr. Lenhrr to this new position was that he would lay down all other board odi toons in order to focus all his energy on ThyssenKrupp.

    In the days since these announcements, it is interesting, and disheartening, to note that the commitment to withdraw from all activities competing for his time and attention, some of his current employees are walking back this statement.

    It is not clear if these statements, issued from the current employers, reflect reality, or are an attempt to "buy time" until his replacement can be found.

    The fact that ThyssenKrupp has not issued a clarifying statement is puzzling, and the longer such is delayed, makes it seem like the "commitment" was one made of convenience, more of a trial balloon, and not really true or intended to be kept.

    Given the conflict in statements, somebody is lying here and the whole thing smacks of manipulation. Given that Mr. Lehner is in a position to clarify this and has not done so, is not a very good way for the man, and a poor leading indicator from the man, who is supposed to represent a Grand House Cleaning at TK to begin his job.

    Also, if he is going to quit all other jobs, this surely means that he will lose the income from those positions ... Assuming ThyssenKrupp has to make up that shortfall, how much is ThyssenKrupp paying this guy, and are we really supposed to believe that was impossible to find an untainted cheaper external candidate in all of Germany?

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