Thyssen-Krupp
Der schwierige Ausbruch aus dem Stahlkorsett

Der 200. Geburtstag von Thyssen-Krupp wird keine ungetrübte Feier: Der Konzern leidet unter hohen Schulden und schwacher Rendite. Was das Unternehmen jetzt braucht, um seine Unabhängigkeit zu bewahren.
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Frankfurt, DüsseldorfAm 20. November begibt sich – wieder einmal – ein deutsches Staatsoberhaupt in die Villa Hügel in Essen, den einstigen Stammsitz der Gußstahlwerke Fried. Krupp. Christian Wulff wird dort die Laudatio zur 200-Jahr-Feier von Krupp halten – einem Konzern, der in seiner bewegten Geschichte zum Mythos geworden ist, zu einem Symbol für ein ganzes Land und für seine Werte, im Guten wie im Schlechten.

Wenn die präsidialen Worte in dem altehrwürdigen Gemäuer verhallt sind, werden sich die Oberen des einst mächtigsten Industriekonglomerats des Landes der Zukunft zuwenden müssen. Es ist eine schwierige Zukunft, und manche sind schon froh, wenn es denn überhaupt eine Zukunft in Unabhängigkeit gibt. Mehrfach schon hat Patriarch Berthold Beitz dem Konzern diese Unabhängigkeit bewahrt – durch Übernahme des Wettbewerbers Hoesch vor 19 Jahren und die Fusion mit dem Rivalen Thyssen.

Zwölf Jahre nach dieser Fusion ist der Ruhrkonzern aber mit 6,25 Milliarden Euro verschuldet. Das ist mehr als das Dreifache des für das Geschäftsjahr 2010/11 geplanten operativen Gewinns. Grund für die Schuldenlast sind die neuen Stahlwerke in Brasilien und den USA, die mit zehn Milliarden Euro viel teurer wurden als geplant. Nun fehlt in allen Geschäftsfeldern das Geld für Investitionen. Vor allem die Bereiche Aufzugssysteme und Anlagenbau will Vorstandschef Heinrich Hiesinger ausbauen. Doch dafür braucht der Konzern frisches Kapital, das er nicht hat. Die nächstliegende Variante wäre eine Kapitalerhöhung. Diese aber verhindert die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, die 25,3 Prozent an dem Konzern hält – und auch künftig behalten will. Schon deshalb wird sie sich einer Verwässerung vehement widersetzen.

Um trotzdem Geld ins Haus zu holen, bietet Hiesinger die Autozulieferer Waupaca und Tailored Blanks sowie die Edelstahlsparte zum Verkauf an. Es geht um ein Umsatzvolumen von über zehn Milliarden Euro, von dem er sich trennen will. 3,5 Milliarden Euro möchte Thyssen allein mit dem Verkauf des Edelstahlgeschäfts erzielen. Eine Milliarde weniger sei realistisch, sagen Branchenkenner.

Wegen der unruhigen Aktienmärkte bietet der intern lange favorisierte Börsengang der Edelstahlsparte, die seit Oktober als Inoxum firmiert, keine Alternative. Deshalb werden jetzt ein Verkauf an Finanzinvestoren und ein Spin-off geprüft. Dabei wird Inoxum ausgegliedert und danach getrennt vom übrigen Unternehmen an der Börse notiert – ohne die Aktien zum Kauf anzubieten. Stattdessen bekommen die Aktionäre von Thyssen-Krupp die Titel von Inoxum ins Depot gelegt. Thyssen-Krupp würde bei einem Spin-off zwar keine Einnahmen erzielen, der Konzern stünde aber optisch besser da: Nach Analystenschätzungen verschwänden Schulden von bis zu zwei Milliarden Euro aus der Bilanz.

Für welche Variante sich Thyssen-Krupp entscheidet, soll auf der Aufsichtsratssitzung am 2. Dezember geklärt werden. „Edelstahl wird das Hauptthema sein bei dem Treffen“, hieß es in hochrangigen Kreisen.

Berthold Beitz hat sich in der Vergangenheit radikalen Umbauten nicht widersetzt. „Das Management wird bezahlt dafür, dass es Geld verdient“, sagte er einst. Doch dafür müsste der Konzern eigentlich investieren – auch im Stahlbereich. Nur so ließe sich die Unabhängigkeit bewahren, das oberste Gebot im Testament von Alfried Krupp. Diesem Erbe fühlt sich Berthold Beitz bis auf den heutigen Tag verpflichtet.

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