Industrie

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Thyssen-Krupp-Hauptversammlung: Guter Manager, böser Manager

Zukunft und Vergangenheit von Thyssen-Krupp: Auf der Hauptversammlung entwirft Konzernchef Hiesinger Visionen. Aufseher Cromme muss für die Skandale geradestehen – doch „Mr. Teflon“ bleibt auf seinem Stuhl.

Schwerer Gang: Heinrich Hiesinger (l.) und Gerhard Cromme bei der Hauptversammlung des Industriekonzerns. Quelle: Reuters
Schwerer Gang: Heinrich Hiesinger (l.) und Gerhard Cromme bei der Hauptversammlung des Industriekonzerns. Quelle: Reuters

BochumKlirrende Kälte liegt über dem Ruhrgebiet. Die minus vier Grad kalte Luft verklebt den Schnee, der die Straßen und die Kongresshalle in Bochum bedeckt. Hier strömen die Aktionäre von Thyssen-Krupp zur Hauptversammlung zusammen. Hier sammeln sich Wut und Enttäuschung der Anteilseigner über Missmanagement, Korruption und Kartellklüngel.

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Vor allem kanalisiert sich hier die Furcht vor dem endgültigen wirtschaftlichen Niedergang des einst so strahlenden Traditionskonzerns – mit dem der dramatische Wertverlust vieler Ersparnisse einhergeht. Der Unmut trifft vor allem eine Person: Aufsichtsratschef Gerhard Cromme. Als Chefkontrolleur des Konzerns hat er die milliardenschweren Fehlinvestitionen in die Stahlwerke in Brasilien 2005 und den USA 2007 abgenickt. Er trägt die Verantwortung für die Aufklärung der zahlreichen Skandale.

Die Schattenseiten von Thyssen-Krupp

  • Umgang mit Geschäftspartnern

    Thyssen-Krupp soll den Wettbewerber Salzgitter bei einer Gemeinschaftsfirma betrogen haben. Im Zentrum der Vorwürfe steht GfT Bautechnik, an der Salzgitter bis vor einem Jahr beteiligt war und die exklusiv die Spundwände der Niedersachsen vertrieben hatte. Bei einer Prüfung im Sommer 2011 sei Salzgitter aufgefallen, dass der Ruhrkonzern zu wenig Geld an die Niedersachsen für die Lieferung dieser Stahlprodukte überwiesen habe.

  • Umgang mit Geschäftspartnern (2)

    Thyssen-Krupp muss sich wegen illegaler Preisabsprachen im Schienengeschäft auf eine Klage der Deutschen Bahn gefasst machen, allerdings wird auch weiter über eine außergerichtliche Einigung verhandelt. Thyssen-Krupp war Teil eines Karrtells, zu dem auch die österreichische Voestalpine und das Bahntechnikunternehmen Vossloh gehörten. Die Firmen sollen von 2001 bis 2008 und teilweise bis 2011 Preise – unter anderem zum Schaden der Bahn – abgesprochen haben.

  • Umgang mit Gewerkschaftern

    Der Industriekonzern Thyssen-Krupp hat Gewerkschafter zu kostspieligen Reisen in der ersten Klasse eingeladen. Mehrfach flogen Vertreter des Arbeitnehmerflügels im Aufsichtsrat nach Asien und Amerika, aber auch zu exotischen Zielen. Die Reisen hatten zum Teil touristischen Charakter

  • Querelen im Vorstand

    ThyssenKrupp-Vorstand Jürgen Claassen ließ im Zuge von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Essen im Zusammenhang mit Luxusreisen Anfang Dezember 2012 sein Amt ruhen. Er wolle durch den Schritt „angesichts der derzeitigen öffentlichen Berichterstattung Schaden vom Unternehmen fernhalten“. Claassen war wegen luxuriöser Reisen in die USA unter Druck geraten, die er von seinem Arbeitgeber finanzieren ließ, obwohl sie nicht vornehmlich dienstlich veranlasst schienen.

    Wenige Tage später griff Aufsichtsratschef Gerhard Cromme durch und setzte nicht nur Claassen vor die Tür. Auch zwei weitere Vorstände mussten gehen – insgesamt die Hälfte der Mitglieder des Top-Führungsgremiums.

  • Korruptionsvorwürfe

    Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt gegen 14 Beschuldigte wegen des Verdachts auf Untreue. Im Zusammenhang mit einem Bauprojekt in Kasachstan soll es Schmiergeldzahlungen an eine Briefkasten-Firma im US-Bundesstaat Georgia gegeben haben. Die Ermittlungen gingen auf interne Ermittlungen von Thyssen-Krupp zurück.

  • Das Werk in Brasilien (1)

    Als Thyssen-Krupp 2005 seine Pläne für die Expansion auf den Stahlmarkt in Südamerika und den USA präsentierte, klang alles sehr einfach. Mit günstig in Brasilien produziertem Qualitätsstahl wollte der Ruhrkonzern den US-Hüttenbetreibern Marktanteile abjagen. Dass deutsche und asiatische Autokonzerne zeitgleich im Süden der USA Produktionsstätten errichteten, machte die Strategie plausibel.

    Problematisch war allerdings die Umsetzung. Die Stahlhütte vor den Toren der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro kostete nicht 1,3 Milliarden Euro, wie zunächst angekündigt. Die Investitionen summierten sich letztendlich auf mehr als fünf Milliarden Euro. Das Werk wurde weitaus teurer. Wegen Fehlplanungen muss die Kokerei umfangreich nachgebessert werden, auch bei anderen Teilen des Hüttenwerks gibt es Probleme.

  • Das Werk in Brasilien (2)

    Im Werk der lokalen Thyssen-Krupp-Tochter CSA wurde mehrfach Graphitstaub in die Luft gewirbelt. Der sogenannte „Silberregen“ setzte sich in etwa zwei Kilometern Entfernung vom Stahlwerk im Nachbarort Santa Cruz auf Straßen und Häusern ab. Die Anwohner klagten über Atembeschwerden und Hautausschläge. Seit der Eröffnung des Werks im Jahr 2010 hat Thyssen-Krupp-CSA wegen der Pannen mehrfach Strafen zahlen müssen: umgerechnet 700.000 Euro beim ersten, 1,1 Millionen Euro beim zweiten Mal und zuletzt vier Millionen Euro.

  • Das Werk in den USA

    Auch beim Bau eines Stahlwerks im US-Bundesstaat Alabama hatte sich der Stahlkonzern verkalkuliert. Wegen Planungsfehlern und veränderten Rahmenbedingungen entwickelte sich auch diese Projekt zu einem Milliardengrab. Gemeinsam belasten die beiden Hütten die Bilanz mit mehreren Milliarden Euro. Insgesamt hat Thyssen-Krupp zwölf Milliarden Euro für die Werke ausgegeben.

Der Unwillen der Anteilseigner hat viele Gesichter. Eines davon ist Oliver Krauß. Er stellt auf der Hauptversammlung den Antrag, Cromme als Versammlungsleiter abzulösen – und wirbelt damit die Tagesordnung durcheinander.

„Mr. Teflon, wenn auch abgegriffen, trifft diese Bezeichnung auf Sie sehr gut zu“, ruft der Mann mit der randlosen Brille Cromme entgegen. „Alles gefragt aber nichts gewusst“, wettert der Aktionär weiter. Als Chefkontrolleur lasse er alle Kritik und jedwede Verantwortung abperlen. Cromme sei „die größte Teflonpfanne der Republik“.

Cromme ermahnt den aufmüpfigen Anteilseigner mehrmals, seinen Antrag klar zu begründen und entzieht ihm schließlich das Wort. Cromme lehnt trotzig den Antrag ab, eine Abstimmung über seine Versammlungsleitung einzuleiten. Im Saal schallen empörte Buhrufe auf. Die Stimmung gegen den 69-Jährigen verschärft sich.

Thyssen-Krupp Chefaufseher Cromme gesteht Fehler ein

In Bochum läuft die Hauptversammlung von Thyssen-Krupp. Die Stimmung ist gereizt.

Die Liste der Verfehlungen im Unternehmen ist lang. So war der Traditionskonzern am Schienenkartell beteiligt, das jahrelang die Deutsche Bahn und lokale Verkehrsbetriebe schädigte. Schmiergelder bei Aufträgen in der Aufzugssparte, großzügige Reisen für Journalisten und Betriebsräte. „Wenn Sie weiter bohren, werden Sie auch noch weitere Reisen finden“, ruft Vorstandschef Heinrich Hiesinger trotzig in den Saal – und wendet sich wieder seiner Zukunftsvision zu.

  • 19.01.2013, 14:00 UhrCanova

    Die Stiftung besitzt mehr als 25 % der Stimmrechte. Diese abgezogen, kommt Herr Cromme auf ca. 44 % Zustimmung. Diese Zustimmung ist keine Erfolgszahl. Herr Beitz muss diese Zahl zu denken geben.

  • 19.01.2013, 10:45 Uhrwernerlein

    Zu Crommea, aber auch Beitz, fällt mir nur ein Buch ein und
    das sollten die beiden Herren sich vielleicht mal durchlesen:
    " Nieten in Nadelstreifen " . Da passt alles.

  • 19.01.2013, 06:21 UhrPandora0611

    Gerhard Cromme
    ==============
    Die Aufsichtsratssitzung wurde zur Abrechnung mit Gerhard Cromme.
    Aber dieser sieht seine Schuld nicht ein. Alle Vorwürfe prallten an ihm ab.

    "Ein Aktionär zitiert die Sottise des legendären Deutsch-Bankers Hermann Josef Abs, es sei leichter eine eingeseifte Sau am Schwanz zu packen, als einen Aufsichtsrat zur Verantwortung zu ziehen. "

    Das trifft bei "Mr. Teflon" - Cromme - wohl zu. Aber er hat ja einen mächtigen Unterstützer: Berthold Beitz.

    "Der 99-jährige Berthold Beitz blickt verwundert ins Rund. Und er schweigt. Schließlich hat er schon alles gesagt. "Cromme bleibt" verfügte der Ruhrbaron am 14. Dezember im "Handelsblatt". Da er über die Krupp-Stiftung mehr als ein Viertel der Stimmrechte kontrolliert, können die übrigen Aktionäre jetzt noch so sehr zetern – an Beitz kommt bei ThyssenKrupp keiner vorbei."

    Cromme soll ja sogar Beitz beerben. Dann hätte dieser die uneingeschränkte Macht. Und deshalb will/wird er auch nicht zurücktreten. Und ihn trifft - natürlich - keine Schuld an der Missere, Schuld daran sind immer die Anderen.

    "Der Münchener Rechtsanwalt Oliver Krauß traut Cromme wegen angeblicher Befangenheit nicht einmal mehr die Leitung der Hauptversammlung zu und fordert die Wahl eines neuen Versammlungsleiters. Cromme dreht dem Aktionär das Mikrofon ab. "Sie begründen den Antrag nicht", fährt Gerhard Cromme ihm dazwischen. Krauß konterte: "Sie begründen ihn doch gerade selbst. Mit Ihrem Verhalten." Cromme weigert sich, über den Antrag abstimmen zu lassen, was ihm an diesem hitzigen Vormittag im Bochumer Ruhrcongress die ersten Pfiffe einbringt."

    Und dennoch wird er mit 69,16% der abgegebenen Stimmen "entlastet".
    Wenn die Aktionäre der Meinung sind, Cromme ist Schuld an der Misere, warum haben sie ihm nicht die Entlastung verweigert?

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