Thyssen-Krupp: Hiesingers Premiere mit Hindernissen

Thyssen-Krupp
Hiesingers Premiere mit Hindernissen

Fehlentscheidungen, Pannen und Milliarden-Verluste: Die Aktionäre sind sauer auf Thyssen-Krupp-Chef Hiesinger und Oberaufseher Cromme. Auch Ex-Chef Schulz kneift nicht und erscheint persönlich - kein gemütlicher Termin.
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Düsseldorf/BochumEr ist erst seit einem Jahr im Amt und muss schon wütenden Aktionären Rede und Antwort stehen. Konzernchef Heinrich Hiesinger legt heute auf der Thyssen-Krupp-Hauptversammlung in Bochum erstmals den Aktionären seinen Bericht vor - wohl nicht die leichteste Aufgabe im Schatten eines Milliarden-Debakels. Auch wenn der ehemalige Siemens-Manager den radikalen Umbau des Industrie- und Stahlkonzerns auf einem guten Weg sieht, die Verluste durch den Stahlwerksneubau in Brasilien überschatten die Veranstaltung.

Thyssen-Krupp hatte am Ende des Geschäftsjahres 2010/11 rund 2,9 Milliarden Euro abschreiben müssen und das abgelaufene Geschäftsjahr mit einem Verlust von 1,8 Milliarden Euro abgeschlossen, nachdem die Kosten auf über fünf Milliarden Euro explodiert waren. Aktionärsvertreter fordern vom Vorstand und Aufsichtsrat auf der Versammlung Aufklärung darüber, wie die Kosten so aus dem Ruder laufen konnten. Einige haben sogar den Rücktritt von Aufsichtsratschef Gerhard Cromme gefordert. Er steht in der Kritik, weil er in seiner Funktion im Kontrollgremium die Kostenexplosion nicht verhindert habe. Die Vorgänge in Brasilien seien "für Außenstehende nicht immer nachvollziehbar" gewesen, erklärte Cromme. "Die Gründe für die Kostenerhöhungen waren vielfältig". Manche der Aussagen seien im Nachhinein zu optimistisch gesehen, räumte er ein.

Während Hiesinger und Cromme sich zu Fehlentscheidungen, Pannen und Milliarden-Verlusten äußern, geht es mit der Aktie des Stahlkonzerns nach unten, nachdem sie gestern förmlich nach oben geschossen war. Grund waren Mediengerüchte über einen Rückzug aus Brasilien. Die Papiere notieren aktuell über 2,5 Prozent im Minus. Hiesinger widersprach den Spekulationen über einen raschen Verkauf der Stahlwerke. Um das Potenzial der Werke zu heben, führe „kein Weg daran vorbei, den technischen Hochlauf unserer Werke in Brasilien und in den USA zu einem erfolgreichen Ende zu bringen und die Kosten zu optimieren“. Kurz: Das Projekt wird Deutschlands größten Stahlproduzenten auch im laufenden Geschäftsjahr noch einmal viel Geld kosten.

Geld, das Hiesinger an anderer Stelle sparen muss. Um die Verschuldung zu reduzieren und Spielraum für Wachstumsinvestitionen zu erhalten, will er sich von mehreren Geschäftsbereiten verabschieden. Auch die bis zum Jahresende geplante Trennung von der Edelstahlsparte Innoxum verlaufe nach Plan.

Wegen der düsteren Lage in Übersee verzichtete der Konzernchef für das laufende Geschäftsjahr 2011/2012 (30. September) weiter auf eine Prognose. Hintergrund seien aber auch Unsicherheiten über den Verlauf der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland. Im ersten Geschäftsquartal, das am 31. Dezember endete, habe das Unternehmen einen deutlich Ergebnisrückgang im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum verbucht. Dabei seien beim Stahlgeschäft in Brasilien und den USA weitere Verluste entstanden. Genaue Zahlen zu den ersten drei Monaten des Geschäftsjahres will das Unternehmen am 14. Februar vorlegen.

Mit Spannung hatten Beobachter auch auf den Wortlaut gewartet, den der immer freundliche Oberaufseher Cromme gegenüber dem früheren Thyssen-Krupp-Chef Ekkehard Schulz wählen würde. Für ihn hat sich der Besuch der Hauptversammlung gelohnt, denn Cromme musste dem langjährigen Vorstandsvorsitzenden Respekt zollen. Statt Kritik zu üben, stellte sich Cromme in seiner Rede demonstrativ hinter Schulz und machte noch einmal deutlich, dass dieser "aus eigener Initiative sein Amt niederlegen wollte, um die unternehmenspolitische Verantwortung zum Ausdruck zu bringen."

Wegen der immer lauter gewordenen Kritik an den Milliarden-Verlusten in Übersee hatte sich Schulz bereits im Dezember aus dem Aufsichtsrat des Konzerns zurückgezogen - er ist einer der Väter des Mammutprojektes.

Cromme fand versöhnliche Worte: Für ihn sei die Arbeit von Schulz einer der Gründe, warum die Fusion von Thyssen und Krupp im Jahr 1999 erfolgreich gewesen sei. „Seine Entscheidung haben wir mit Respekt entgegengenommen und ihm für die langjährige gute Zusammenarbeit gedankt.“ Dass in der Öffentlichkeit ein negativer Eindruck über die Leistung von Schulz entstanden sei, sei unerfreulich. „Vorstand, Aufsichtsrat und auch ich bedauern das sehr.“

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