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Thyssen-Krupp: Millionen für die Mangrovensümpfe

Die Großprojekte in Amerika werden für den Thyssen-Krupp-Konzern noch teurer. Der Aufsichtsrat beschloss kurz vor dem Start der Hauptversammlung eine erneute Aufstockung des Investitionsbudgets. In fünf Jahren soll das Werk Gewinn abwerfen. Aber Brasilien ist nicht der einzige Aufreger.

Ein Thyssen-Mitarbeiter überreicht dem Ehrenvorsitzendem Berthold Beitz ein T-Shirt, Quelle: dpa
Ein Thyssen-Mitarbeiter überreicht dem Ehrenvorsitzendem Berthold Beitz ein T-Shirt, Quelle: dpa

BOCHUM. Bei einem Kurzbesuch verschaffte sich Thyssen-Krupp-Chef Ekkehard Schulz kurz vor der Hauptversammlung einen Überblick über den Fortgang der Großprojekte in Brasilien und den USA. Das Ergebnis muss ihn erschreckt haben, denn im Hauruck-Verfahren stockte der Aufsichtsrat wenige Stunden vor Beginn der Hauptversammlung in Bochum das Investitionsbudget auf. Nach heutigem Stand werden die neuen Werke in Brasilien und im US-Bundesstaat Alabama über zehn Mrd. Euro kosten und damit erheblich mehr als geplant.

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Nachdem Schulz Ende November Spekulationen über eine Kostenexplosion bei der brasilianischen Stahlhütte noch als „eindeutig falsch“ bezeichnet hatte, musste er nun einräumen, dass das Investitionsbudget von 4,7 Mrd. auf nun 5,2 Mrd. Euro erhöht werden muss. Ursprünglich hatte der Konzern lediglich 1,3 Mrd. eingeplant. Hinzu kommen nach Informationen aus Konzernkreisen noch einmal Anlauf- und Projektkosten in Höhe von 1,3 Mrd. Euro, von denen nach Angaben von Finanzvorstand Alan Hippe bereits 690 Mio. Euro verbucht wurden.

Teurer wird auch der Bau des Stahlwerkes in den USA. Das Investitionsvolumen steige um zehn Prozent auf 2,6 Mrd. Euro, sagte Schulz. Auch hier fallen zusätzlich noch Anlaufkosten in dreistelliger Millionenhöhe an. Diese Aufwendungen dürfen nach Konzernangaben nach dem Bilanzierungsstandard IFRS nicht dem Investitionsbudget zugerechnet werden. Zur Entwicklung des Edelstahlwerkes machte der Konzern keine Angaben.

Die Kostensteigerung für das brasilianische Stahlprojekt begründete Schulz mit Mehraufwendungen für den Umweltschutz sowie zusätzlichen Ausgaben etwa für die Wasserversorgung. Verantwortlich für die Misere machte er vor allem die Lieferanten: Lediglich der Bau einer Sinteranlage durch die finnische Outokumpu sei planmäßig gelaufen. Bei anderen Werken wie der Kokerei waren umfangreiche Nacharbeiten nötig geworden, was auch Verzögerung nach sich gezogen hat. Die Produktion der Hütte soll nun im dritten Quartal anlaufen; zuletzt hatte der Konzern ein Hochfahren zur Jahresmitte in Aussicht gestellt.

Werke sollen schnell rentabel sein

Ungeachtet der Rückschläge sieht Schulz die Wirtschaftlichkeit der Werke nur geringfügig geschmälert. „Die Renditen der beiden Großprojekte gemeinsam betrachtet, aber auch bei einer Einzelbetrachtung, liegen auf Basis der derzeit bestehenden Planungsprämissen über dem Kapitalkostensatz des Konzerns in Höhe von 8,5 Prozent“, sagte der 68-jährige Manager. Nach Angaben von Finanzvorstand Hippe sollen die Projekte die Gewinnschwelle drei bis fünf Jahre nach Produktionsstart erreichen.

Bei den Investoren stießen vor allem die ausufernden Kosten in Brasilien auf Kritik. „Ich habe den Eindruck, dass Geld geht direkt in den Sumpf“, sagte Thomas Hechtfischer von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Von einem Fass ohne Boden könne man nicht mehr reden – „ich sehe nicht einmal mehr ein Fass.“ Kritik kam auch von einigen Analysten: „Vor allem die eklatant höheren Kosten für die Werke in Brasilien und den USA belasten die Aktien“, sagte Karin Meibeyer von der NordLB. Nach einer festen Eröffnung gab der Aktienkurs leicht nach.

In einer ersten Schätzung hatte Thyssen-Krupp 2004 die Ausgaben für die Hütte in Brasilien noch mit 1,3 Mrd. Euro angegeben. Nach Überarbeitung der Pläne wurde das Investitionsbudget im September 2006 auf drei Mrd. Euro erhöht. Die Mehrausgaben begründete der Konzern mit der Erhöhung der Produktionskapazität von 4,4 Mio. auf fünf Mio. Tonnen sowie dem Bau eines Hafens und eines Kraftwerkes.

Nach Anlauf der Bauarbeiten zeichnete sich ab, dass diese Summe nicht ausreichen wird. Im Jahr 2008 wurde das Budget unter anderem wegen höherer Bauzeitzinsen und Wechselkursdifferenzen erst auf 4,5 Mrd. Euro und dann auf 4,7 Mrd. Euro erhöht.

Schulz ließ offen, ob eine erneute Nachbesserung des Investitionsbudget fällig werden könnte. „Die Endabrechnung beider Projekte werden wir dem Aufsichtsrat in seiner Mai-Sitzung vorlegen.“ Mit dem Bau der Stahlhütte in Brasilien und des US-Weiterverarbeitungswerkes will Thyssen-Krupp seine Position auf dem amerikanischen Markt stärken.

Zufrieden äußerte sich Schulz über den Start ins neue Geschäftsjahr. „Die Geschäftsentwicklung in den Monaten Oktober bis Dezember 2009 erlaubt uns, mit gedämpftem Optimismus nach vorne zu schauen.“ Nach einem Verlust von 2,4 Mrd. Euro im vergangenen Jahr rechnet der Konzern nun mit einem Gewinn in mittlerer dreistelliger Millionenhöhe.

Proteste

Brasilien: Brasiliens Stahlproduktion soll massiv ausgebaut werden. Treiber ist der brasilianische Rohstoffkonzern Vale, der unter anderem gemeinsam mit Thyssen-Krupp meherere Hütten mit einer Kapazität von 15,5 Mio. Tonnen errichtet. Die Gesamtkapazität des Landes steigt damit um 50 Prozent.

Proteste: Die Expansion bleibt nicht ohne Kritik. Auf der Hauptversammlung von Thyssen-Krupp in Bochum protestierten gestern brasilianische Fischer gegen die Zerstörung ihrer Fanggründe durch die neue Hütte sowie eine Verschmutzung der Umwelt. Konzernchef Ekkehard Schulz weist die Vorwürfe als „haltlos“ zurück.

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