TNK-BP in Sibirien
Der Zar und seine Macht über die Sümpfe

Nach Sibirien wird heutzutage niemand mehr zur Strafe geschickt, vielmehr soll im hintersten Winkel Russlands von Öl und Gas profitiert werden. Auch der britisch-russische Konzern TNK-BP wollte ein Stück von der Taiga. Doch statt weiter Gas geben zu können, wurde dem Unternehmen von höchster Stelle der Hahn zugedreht.

MOSKAU. Die Taiga ist schwarz vom zähen Ölschleim. Aus den stinkenden Seen recken sich abgestorbene Stämme ganzer Birkenwälder skurril und anklagend in den sibirischen Himmel. Nur wenn die Sonne nach zehn Monaten den Polarwinter vertreibt und wochenlang gar nicht mehr untergeht, schillert die Oberfläche der zahlreichen tauenden Taiga-Tümpel in allen Regenbogenfarben.

Die Ölwüste heißt Samotlor und war einst der Stolz der Sowjetunion: Das größte Ölfeld der Roten, Schmierstoff der Kommunisten. Für die Wildost-Kapitalisten, die sich aus den Trümmern der zerborstenen UdSSR in den 90er-Jahren die glänzendsten Brocken herausklaubten, bestach Samotlor durch pure Gigantomanie. Immerhin war das vor 43 Jahren entdeckte Ölfeld einstmals mit einer Jahresproduktion von 252 Millionen Tonnen das drittgrößte der ganzen Welt.

Doch das verschmutzte und verrottete Ölfeld ist heute nicht einmal das größte Problem für TNK-BP, den drittgrößten Ölförderer Russlands. Die meisten Sorgen bereitet dem Konzern der am vergangenen Freitag beschlossene Zwangsverkauf seines gigantischen Kowykta-Gasfeldes an den staatlich kontrollierten Gasriesen Gazprom. TNK-BP könne damit seine weit reichenden Expansionspläne im Erdgassektor vergessen, sagt ein russischer TNK-BP-Manager – und fügt hinzu: „Wir konnten die Schlacht gegen den Zaren nicht gewinnen.“

Der ranghohe Manager mit besten Drähten in die Hinterzimmer von Russlands Staatschef Wladimir Putin nennt den „Zaren“ auch gern beim Namen: „Putin persönlich wollte, dass uns die Lizenz entzogen wird“, klagt er. Nun bekommt Gazprom das auf 22 Milliarden Dollar Erschließungskosten geschätzte Gasfeld mit Reserven größer als die Kanadas für lumpige 600 bis 800 Millionen Dollar.

Für den Energiemulti BP ist der Rauswurf aus Kowykta aber nicht nur ein weiterer wirtschaftlicher Rückschlag: Nachdem die Briten auf Druck der USA ihre Iran-Projekte eingestellt haben, steht das Russland-Engagement heute für ein Viertel von BPs Förderung und für 18 Prozent seiner Energievorräte.

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