Tokyo Motor Show
Ein Gespenst geht um in Tokio

GM, Ford und Chrysler haben schon abgesagt, Nissan-Renault überlegt ebenfalls auszusteigen - die Tokyo Motor Show leidet unter dem Geldmangel der Autoindustrie. Treten noch mehr Branchenriesen den Rückzug an, droht der Motormesse sogar das endgültige Aus.

TOKIO. In Nippons Autowelt geistert ein Gespenst, und schuld sind herzlose westliche Manager. Die Tokyo Motor Show könnte in diesem Jahr ausfallen, so die Angst. Bisher ist offiziell noch nichts entschieden, und die japanische Automobilorganisation Jama versucht eifrig, ihre Prestigeausstellung zu retten. Doch derzeit drohen nicht nur Absagen der drei US-Größen aus Detroit wegen Geldmangel. Auch Nissan-Renault will aussteigen. Nachdem der japanische Branchendritte aus Geldmangel schon in Detroit geschwänzt hat, fiele die Entscheidung gegen Tokio um so leichter. Aber eine japanische Autoausstellung ohne Nissan, zudem ohne GM, Ford und Chrysler? Das wäre eine ganz schön einsame Angelegenheit für eines der einst wichtigsten Branchentreffen der Welt.

Bis 2004 war die Tokyo Motor Show die einzige große Automesse in Asien. Seitdem sind Shanghai und Peking dazu gekommen und verringern mit ihrem Milliardenmarkt im Rücken die Bedeutung der Veranstaltung in Japan. „Wir werden die Teilnehmerliste wie in jedem Ausstellungsjahr im März oder April veröffentlichen“, teilte die Jama gestern mit. Mehr lasse sich derzeit nicht sagen, und über den Fall einer niedrigen Teilnahmequote habe sich die Organisation noch nicht zu sehr den Kopf zerbrochen, sagte eine Sprecherin.

Hinter den Kulissen geht es jedoch anscheinend wesentlich hektischer zu, als die Fassade ahnen lässt. Die Funktionäre der Jama versuchen, die entlaufenen Autohersteller wieder einzufangen, obwohl die offizielle Anmeldefrist längst verstrichen ist. Noch ist die Sache also nicht entschieden. Vor allem Weltmarktführer Toyota will die Schau retten. Die Veranstaltung vor den Toren Tokios ist alle zwei Jahre im Oktober eine Chance, die neuesten Zukunftsideen der Japaner zu präsentieren. Auch die anderen wichtigen Hersteller ohne Auslandsbeteiligung, Honda und Mitsubishi, machen sich für ihre Hausmesse stark.

In Tokio sind tendenziell mehr verspielte Neuerungen zu sehen als auf anderen Ausstellungen, etwa Autos mit grinsendem Roboterkopf in der Armaturenzeile. Diese Studie, der Pivo, stammte von Nissan. Doch ausgerechnet dessen Chef, Kostenkünstler Carlos Ghosn, lege nun mehr Wert auf die Ausstellung in Frankfurt, munkelt die Tokioter Autowelt. Wieder dieser Ghosn! Er macht aber auch vor nichts halt, was Japan heilig ist. Erst hat er die alten Zuliefernetzwerke von Nissan zerschnitten, dann die Beförderung nach Leistung statt Dienstjahren eingeführt und jetzt bombardiert er Tokios Automesse. Profitieren würden die weitaus größere Ausstellung in Frankfurt und ganz klar die Chinesen, die in Ostasien allein auf weiter Flur ständen.

Die Messe soll nach bisheriger Planung am 23. Oktober öffnen und bis zum 8. November laufen. Sie findet nur alle zwei Jahre statt. Da der nächste Termin 2011 liegt, würde eine Verlegung auf 2010 bedeuten, dass plötzlich zwei Tokioter Messen dicht aufeinanderfolgen – und das, obwohl alles andere als sicher ist, ob die Branchenkrise bis dahin ausgestanden ist. Eine komplette Absage wegen Ausstellermangel erscheint da als die bessere Lösung.

In Asien gilt es jedoch als wichtig, das Gesicht zu wahren. Die Verantwortlichen der Jama, das steht für Japan Automobile Manufacturing Organisation, suchen daher nach Alternativen. Die Messe könnte in kleinerem Maßstab öffnen. Dabei wären Toyota und Honda, die mittelgroßen japanischen Hersteller wie Suzuki und Mazda – sowie die Deutschen. Denn VW, Daimler, BMW, Porsche und die anderen haben sich korrekt angemeldet und bleiben Japan treu. Das honoriert Japans Autowelt. Die Deutschen wiederum freuen sich, dass die Branche geschlossen zur IAA in Frankfurt erscheint. Inklusive Nissan.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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