Transrapid in Schanghai nur zu einem Viertel ausgelastet
Rasend schnell in rote Zahlen

Manchmal können große Dinge an Kleinigkeiten scheitern. Kein Plakat, kein Hinweisschild weist dem herumirrenden Fluggast am futuristischen Flughafen Pudong International vor den Toren Schanghais den Weg zum Transrapid. Das Vorzeigeprojekt deutscher Ingenieurskunst ist kaum zu finden. Eine Handelsblatt-Reportage.

HB SCHANGHAI. Die Werbeflächen am Flughafen seien langfristig vermietet, entschuldigt sich Song Xiao-Jun mit einem Lächeln. Deshalb gebe es keine Werbung für den Transrapid, bedauert der Chef der chinesischen Betreibergesellschaft Maglev – vorläufig zumindest.

Seit Januar dieses Jahres rast der modernste und schnellste Zug der Welt im regulären Betrieb vom Flughafen zur U-Bahn-Station Long Yang Road im Nordosten der Metropole. Ganze sieben Minuten braucht der Transrapid für die 31,5 Kilometer lange Strecke. Leise nimmt der Zug Fahrt auf. Nach knapp vier Minuten – inzwischen ruckelt und vibriert es wie in einer deutschen U-Bahn – zeigt die Leuchtanzeige im Inneren des Zuges die Höchstgeschwindigkeit: 431 Stundenkilometer. Draußen vor den Fenstern fliegen grüne Felder und flache Baracken vorbei. Die Autos auf der daneben liegenden Autobahn scheinen zu stehen.

Doch viel Interesse besteht an dem Wunderzug bisher nicht. Viele der jeweils 440 Plätze in den insgesamt drei Zügen, die alle 15 Minuten verkehren, bleiben frei. Nur 8 000 bis 10 000 Passagiere steigen pro Tag ein, berichtet Gerhard Wahl, Transrapid-Beauftragter bei Siemens. Eine Auslastung von gerade mal gut 25 Prozent – erschreckend wenig. „Das ist eine Demo-Strecke“, wiegelt Wahl ab.

Die Preise wurden Mitte April aber schon mal kräftig gesenkt: Eine Fahrt kostet nun statt 75 Yuan noch 50 Yuan. Das sind zwar nur etwa fünf Euro, aber trotzdem unerschwinglich für den Durchschnittschinesen. Dazu kommt: Die rasante Fahrt endet in der Pampa. Der Reisende muss am Endbahnhof mit seinem Gepäck die Treppe mühsam runter und dann die U-Bahn oder ein Taxi nehmen, um ins Zentrum von Schanghai zu gelangen. „Ein Nachteil von Geburt an“, räumen die Chinesen ein.

„In der Vermarktung hapert es leider noch“, kritisiert auch Peter Borger, Siemens-Statthalter in Schanghai. Erst bei 20 000 Passagieren rechnet sich angeblich das Projekt. Das Ziel liegt noch höher: „Bei 30 000 Passagieren wird mein Leben leichter“, fügt Transrapid-Chef Song Xiao-Jun an. Mitte April haben die Chinesen das Gesamtsystem abgenommen, nur gut 27 Monate nachdem mit Siemens und Thyssen- Krupp die Verträge unterzeichnet worden waren. Seitdem läuft alles unter chinesischer Regie, die deutschen Fachleute sind nur noch als Beobachter vor Ort. 924 000 Kilometer ist der Wunderzug bisher gefahren – ohne Zwischenfälle.

Erste Probleme sind aber aufgetaucht. Denn die Millionen-Metropole steht sozusagen im Matsch: Erst in 300 Metern Tiefe kommt die erste Steinschicht. Die 2 552 Betonstützen, auf denen der Transrapid in rund zwölf Metern Höhe dahinfliegt, sinken deshalb langsam in den morastigen Untergrund. Bis zu maximal 10 Millimeter beträgt bereits die Differenz. Die Chinesen beruhigen, die Pfeiler würden noch fein justiert. „Die Senkung ist voll innerhalb der Toleranz. Die Fahrsicherheit ist nicht beeinträchtigt, höchstens der Komfort“, heißt es.

Die Deutschen waren zunächst beunruhigt: Siemens-Chef Heinrich von Pierer brachte das Thema am vergangenen Montag bei dem mächtigen Transrapid-Beauftragten der Chinesen, Commander Wu, zur Sprache. Doch der konnte ihn beruhigen: „Alles im Griff.“ Und Wu stellte sogar neue Aufträge in Aussicht. Von Pierer danach: „Ich bin ziemlich optimistisch, dass ein weiteres Projekt kommt.“

Zwar ist der Transrapid für die 1 300 Kilometer zwischen Schanghai und Peking aus dem Rennen. Aber die Chinesen planen offenbar eine Magnetschnellbahn von Schanghai nach Hangzhou. Die Stadt mit immerhin sieben Millionen Einwohnern liegt gut 200 Kilometer von Schanghai entfernt. Der Auftragswert wird auf etwa zwei Milliarden Euro geschätzt. Eine Entscheidung ist aber noch nicht gefallen. Käme es so, wäre es der Durchbruch für die Magnettechnik, so hoffen zumindest die Deutschen.

Schon seit Monaten wird auch in München über eine Transrapid-Verbindung zum Flughafen diskutiert – bisher ohne jegliche Fortschritte. Doch die Chinesen sind auch hier schneller: Im Werbevideo kann der Besucher in Schanghai eine Simulation des Transrapids im Münchener Hauptbahnhof bestaunen – täuschend echt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%