Transrapid-Unglück im Emsland
Experte kritisiert abgespeckte Sicherheit

Menschliches Versagen ist vermutlich Ursache des schweren Transrapid-Unglücks im Emsland. Die Ermittler haben die Leitstelle der Teststrecke im Visier. Ein Transrapid-Experte kritiserte derweil das Fehlen eines Abstandswarnsystems auf der Teststrecke. Anders als die einzige kommerzielle Strecke in Shanghai sei sie mit abgespecktem Sicherheitsstandards betrieben worden. Zugleich hat der Unfall einem Medienbericht zufolge die Zukunftschancen der Magnetschwebebahn in China weiter verschlechtert.

HB LATHEN. Wie der Sprecher der Osnabrücker Staatsanwaltschaft, Alexander Retemeyer, am Wochenende sagte, war für die beiden Fahrdienstleiter eindeutig erkennbar, dass sich der Werkstattwagen auf der Strecke befand und den Transrapid behindern würde. Die zwei hätten noch nicht vernommen werden können, weil sie unter Schock stünden. In Berlin sprachen Vertreter aus Politik und Industrie unterdessen über die Zukunft der Magnetschwebebahn.

Retemeyer sagte mit Blick auf die ersten Ermittlungsergebnisse: „Nach menschlichem Ermessen war klar, wo dieses Sonderfahrzeug auf der Strecke stand.“ Der Staatsanwalt verwies darauf, dass in einem Buch in der Leitstelle alle Fahrzeugbewegungen eingetragen werden müssten, was auch geschehen sei. Schließlich war nach den Worten des Staatsanwalts in dem Buch nicht vermerkt, dass das Sonderfahrzeug den Auftrag erhielt, die Strecke zu verlassen, was eigentlich hätte der Fall sein müssen, wenn dieser Befehl erteilt worden wäre.

Laut Retemeyer konzentrieren sich die Ermittlungen auf Grund der jüngsten Erkenntnisse auf die beiden Mitarbeiter in der Transrapid-Leitstelle. Auf der Vernehmungsliste stünden ferner die beiden Insassen des Inspektionsfahrzeugs sowie ein Bordtechniker, der sich im hinteren Teil des Transrapids befunden und deshalb überlebt habe. Darüber hinaus werde der Funkverkehr zwischen Leitstelle und den Fahrzeugen ausgewertet. Erst dann wisse man mit Sicherheit, ob die Leitstelle die Transrapid-Fahrt freigegeben habe.

Unklar sei auch, warum im Transrapid der rote Notstopp-Knopf so spät gedrückt worden sei. Er sei erst betätigt worden, als der Zug schon 100 bis 30 Meter an den Servicewagen herangekommen sei - zu spät für eine erfolgreiche Notbremsung, sagte Retemeyer.

Der Kasseler Verkehrswissenschaftler Helmut Holzapfel kritisierte am Sonntag ein fehlendes Abstandswarnsystem auf der Teststrecke. Anders als die Strecke in Schanghai, wo die Magnetschwebebahn im kommerziellen Einsatz ist, sei die Strecke im Emsland mit abgespecktem Sicherheitsstandard betrieben worden, sagte Holzapfel und bestätigte einen Bericht der „Frankfurter Rundschau“. Eine ständige elektronische Kontrolle der Strecke auf Hindernisse sei machbar, koste aber viel Geld.

Beim Abbremsen des Transrapid müsse mit Rücksicht auf die Passagiere ein längerer Bremsweg eingeplant werden, sagte Holzapfel. „Das sind schon ein paar Kilometer, wenn der 500 Stundenkilometer fährt.“ Der Kasseler Wissenschaftler gehörte nach eigenen Worten in den neunziger Jahren einer Expertengruppe an, die sich mit Gefahren für die damals geplante Transrapid-Strecke zwischen Hamburg nach Berlin befasste.

Seite 1:

Experte kritisiert abgespeckte Sicherheit

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%