Tumminellis Designkritik
Desginkritik: Schön ist was anderes

So sieht also die Zukunft des Fliegens aus. Als europäisches Luftflaggschiff für das 21. Jahrhundert hätte ich mir eine schnellere, leisere und ökonomischere Concorde gewünscht. Vielleicht wäre daraus wieder eine aufregende Ikone geworden, ein Objekt der Absolute. Ein Flugzeug für Tagestermine in Peking ...

Aber der Mythos Geschwindigkeit, der die Gesellschaft des vergangenen Jahrhunderts prägte, ist mit der Concorde und den auf 250 Kilometern pro Stunde limitierten Limousinen gestorben – ein Schritt mit epochalen Konsequenzen. Es darf nicht mehr schneller sein, nur mehr. Nach diesem Motto hat Airbus die unscheinbare Form seiner A-300-Reihe auf allseits bestaunte 73 Meter Länge gestreckt. Die Heckspitze ragt hinauf bis zur Dachterrasse eines achtstöckigen Gebäudes. Die Amerikaner haben also doch recht: Size does matter – Größe zählt.

Die A380 mag das geräumigste Verkehrsflugzeug sein, das je gebaut wurde. Was ihr fehlt, ist Design-Qualität. Als Koproduktion von Frankreich, Deutschland, Spanien und Großbritannien ist die A380 im Grunde nicht mehr als die Summe ihrer Flugzeugteile. Eine vernünftige Kompromisslösung, so unpersönlich wie die Euro-Geldscheine.

Die athletische Eleganz der Concorde wäre auf eine solche Masse sicher nicht übertragbar – und deshalb wirtschaftlich chancenlos gewesen. Doch die A380 lässt jegliche Identitätsmerkmale vermissen. Die vielen Türen verwirren, und die Fensteranordnung über zwei durchgehende Decks ist ungewohnt. Der sympathische Buckel des mächtigen 747-Jumbo von Boeing machte wenigstens noch auf die gestalterische und soziale Bedeutung der gehobenen First Class aufmerksam; die A 380 ist dagegen demokratisch gestaltet – was dem Trend entspricht, dass die wirklich Reichen heute zusehends im Privatjet fliegen. Die A380 will mit ihren inneren Werten überzeugen. Versprochen werden Reisen wie im Zeppelin der 30er Jahre – mit Bar, Restaurant und Schlafzimmer. Ein perfekter Langstreckenflug für die Flitterwochen. Dabei wird er sich von seinem Ruf als Massentransportmittel kaum lösen können. Immerhin findet in der Kabine ein ganzes Dorf Platz: bis zu 840 Menschen.

Für kreative Marketingaktivitäten aller Art ist die A380 dabei allemal attraktiv: Statt wenige Menschen mit hoher Frequenz schnell über den Atlantik zu fliegen, halte man Hunderte davon stundenlang in der Luft gefangen – eine perfekte Plattform. Der Flug wird zur gigantischen Kaffeefahrt.

Wenn der Riesen-Jet zur Landung aufsetzt, wird der Fluggast der Realität der heutigen Flughäfen überlassen. Wo bereits die parallele Ankunft diverser Boeing-747-Jets bei Passkontrolle und Gepäckabholung für Chaos sorgt, könnte das Andocken zweier A380 gar einer Naturkatastrophe ähneln. Hilfe ist versprochen, im richtigen Leben getestet wurde die Situation noch nicht.

Das bedeutet nicht, dass die A380 ein schlecht konstruiertes Flugzeug oder gar eine milliardenschwere Fehlentscheidung sein muss. Aber dem Riesen fehlt es definitiv an Sex-Appeal. Da sollte es Airbus wenigstens mit einem persönlicheren Markenzeichen versuchen. Das größte Passagierflugzeug „aller Zeiten“ verdient einen Namen, mit dem es aus der Menge der vielen anderen 0815- Jets hervorsticht. Mein Vorschlag? Ein einfacher Begriff von populärer Banalität – und gerade deshalb passend: Gigajet!

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