„Typisch italienische Pathologie“: Parmalat: Der große Bluff

„Typisch italienische Pathologie“
Parmalat: Der große Bluff

Die verschwundenen Milliarden bei Parmalat sind ein Fall für die Staatsanwaltschaft. Sie ermittelt jedoch nicht nur gegen deren Manager. Auch Wirtschaftsprüfer und Banken geraten ins Visier. Heute muss die Deutsche Bank Rede und Antwort stehen.

DÜSSELDORF. Beim Auswärtssieg des Erstligisten AC Parma in Ancona konnte Calisto Tanzi gestern nicht dabei sein, obwohl ihm der Verein – noch – gehört. Der Untersuchungsrichter hat entschieden, dass der Parmalat-Chef weiter in Untersuchungshaft bleibt. Es bestehe Flucht- und Verdunklungsgefahr. Seine Kinder Stefano und Francesca haben sich längst von ihm losgesagt. Stefano tritt heute als Präsident von Parma Calcio ab, Francesca, verantwortlich für den Reiseveranstalter Parmatour, muss in den nächsten Tagen vor dem Untersuchungsrichter aussagen.

Tanzis ehemaliger Finanzchef Fausto Tonna wurde gestern acht Stunden lang verhört. Er gab zu Protokoll, nur die Anweisungen Tanzis ausgeführt zu haben. In Mailand beriet der von der Regierung eingesetzte Sonderkommissar Enrico Bondi mit Mediobanca und Lazard, welche Firmenteile verkauft werden können. Weit oben auf der Verkaufsliste stünden die beiden US- Töchter Mother’s Cake und Archway, hieß es in Frankfurter Finanzkreisen. Bondi braucht 100 Millionen Euro, Lieferanten und Löhne müssen gezahlt werden. In Parma organisieren sich die Kleinaktionäre, in den USA wurde von Investoren die erste Sammelklage auf Schadensersatz eingereicht.

Seit der Parmalat-Chef vor zwei Wochen verhaftet wurde, kommen fast stündlich neue Enthüllungen auf den Markt. Noch sind nicht alle Fälschungen aufgedeckt, doch ist das Loch in der Kasse wohl weit größer als bisher angenommen. Für mindestens 7 Mrd. € fehlt in den Büchern jede Spur. Auch in Brasilien ermittelt die Staatsanwaltschaft. Hier liegt eine der Ursachen des Skandals: Nach aggressiver Expansion fuhr Parmalat hier hohe Verluste ein, zu deren Verschleierung Tanzi zu Hause Gewinne „abzweigte“, erklärte Tonna im Verhör einen Teil der illegalen Geldtransfers.

Wie aber konnte ein kleiner Unternehmer aus der Provinz so schnell aufsteigen, so lange Bilanzen fälschen und Gelder verschieben? „Unerklärlich, denn alle wussten seit Jahren, dass etwas faul war“, sagt Enrico Letta, Industrieminister unter Prodi und heute wirtschaftspolitischer Sprecher der Oppositionspartei Margherita. „Unser Kontrollsystem reichte anscheinend nicht aus.“

Für Guido Rossi von der Mailänder Wirtschaftsuniversität Bocconi ist der Parmalat-Skandal eine typisch italienische Pathologie. „Das Übel steckt in unserem prämodernen System des Familien-Kapitalismus.“ Rossi rechnet mit weiteren Skandalen in Italien. „Parmalat ist eigentlich ein solides Unternehmen.“

Während die Staatsanwälte in Parma und Mailand Akten und Kontoauszüge durchforsten und Calisto Tanzi vor der Anklage wegen betrügerischen Bankrotts und Bilanzfälschung steht, hat der Skandal in Rom neuen politischen Streit ausgelöst. Regierungschef Silvio Berlusconi weist Anschuldigungen zurück, sein vor einem Jahr durchgepeitschtes Gesetz, nach dem Bilanzfälschung kein Straftatbestand mehr ist, habe den Skandal verschlimmert. „Das Gesetz hat die Kontrolle verlangsamt“, sagt Oppositionspolitiker Letta, „nach Enron wurden in den USA Sanktionen gegen Bilanzfälschung verschärft, bei uns geschah das Gegenteil.“ Am Freitag will Finanzminister Giulio Tremonti einen Gesetzesentwurf zur Neuregelung der Finanzaufsicht vorstellen. Er will eine neue „Superbehörde“ schaffen, um Sparer zu schützen. „Zu viel Konzentration“, meint Oppositionspolitiker Letta, „es besteht das Risiko, dass diese Behörde nicht unabhängig sein wird.“

Mitarbeit: Michael Maisch und Wall Street Journal

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