Der Fusionsplan zwischen US Airways und dem insolventen Rivalen Delta Air Lines rüttelt an festgefahrenen Industriestrukturen im US-Luftverkehr. Experten halten eine reinigende Übernahmewelle für sehr wahrscheinlich. Auch Gegenofferten anderer Fluggesellschaften sind noch möglich.
Gemeinsam mit der Delta Air Lines würde US Airways den bisherigen Marktführer American Airlines vom Thron stoßen. Foto: AP
NEW YORK. Der Vorstoß von US Airways werde andere Übernahmegebote provozieren und einen industrieweiten Trend zur Konsolidierung einläuten, sagt Luftfahrt-Analyst Ray Neidl von Calyon Securities. Roger King von Credit Sights erwartet jetzt ein aktives Vorgehen des engen Lufthansa-Partners United Airlines: „Wenn Delta wirklich übernommen werden sollte, würde ich auf United setzen.“ US Airways sei wegen seiner starken Konzentration auf die US-Ostküste nicht der richtige Partner für Delta, glaubt King.
United selbst gab den Spekulationen am gestrigen Donnerstag Nahrung und wollte eine Gegenofferte für Delta nicht ausschließen: Die Haltung, dass United die Konsolidierung aktiv vorantreiben möchte, bestärkte United-Finanzchef Jack Brace nachdrücklich: Statt sechs großer US-Fluggesellschaften gebe es nur Platz für „zwei, drei, maximal vier Carrier mit einem landesweiten Netzwerk“, sagte er auf einer Investorenkonferenz in New York. Die aktuell zweitgrößte US-Gesellschaft nach American Airlines hat die Investmentbank Goldman Sachs in den vergangenen Monaten beauftragt, strategische Optionen für United zu prüfen. Nach Informationen aus Branchenkreisen soll United bereits mehrfach beim Rivalen Continental Airlines für einen Zusammenschluss geworben haben. Das Management von Continental hat bisher ablehnend auf Fusionen reagiert.
Die euphorischen Börsenreaktionen auf den US-Airways-Vorstoß zeigen jedoch, dass der Markt die lange erwartete Konsolidierung des von Überkapazitäten geplagten US-Luftverkehrs sehen will. Investoren belohnten den Wagemut des Bieters US Airways mit einem Plus von fast 17 Prozent und schickten viele weitere Branchenvertreter in der Hoffnung auf weitere Fusionen steil nach oben. Merrill Lynch hob am Donnerstag das Kursziel für viele Airline-Aktien in den USA deutlich an und setzte seine bisherige Zielmarke für Continental Airlines um fast 50 Prozent höher auf 52 Dollar. Zwar wird in den Chefetagen von Continental und Delta Air Lines noch die Eigenständigkeit proklamiert. Doch wenn das Management der insolventen Delta kehrt machen sollte und unter dem Druck der Konkursanwälte einer Übernahme durch US Airways zustimmt, geriete der Rest der Branche enorm unter Zugzwang.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Experten sehen die Wahrscheinlichkeit der Fusion bei 80 Prozent.
Jamie Baker von JP Morgan sieht inzwischen eine 80-Prozent-Wahrscheinlichkeit, dass die Delta-Fusion sowohl von den Gläubigern unterstützt als auch von den Kartellbehörden genehmigt würde. Der Analyst rechnet jedoch ebenfalls noch mit Gegenofferten anderer Fluggesellschaften. Gemeinsam würden US Airways und Delta künftig die weltgrößte Fluggesellschaft bilden und Marktführer American vom Thron stoßen. Das fusionierte Unternehmen, das unter der weltweit bekannteren Marke Delta fliegen soll, käme mit rund 85 000 Beschäftigten auf gut 20 Mrd. Dollar Umsatz. Die Ratingagentur Standard & Poor’s geht in diesem Falle von Folgeübernahmen aus, die auch Northwest Airlines, Continental Airlines oder den United-Mutterkonzern UAL Corp. unter die Haube bringen könnten.
Nach den Star-Alliance-Partnern US Airways und United sind im Vorjahr auch Delta und Northwest unter den Gläubigerschutz des US-Konkursrechts (Chapter 11) geschlüpft, der Firmen bei Weiterführung des Betriebs einen radikalen Kostenabbau ermöglicht. Vorstandschef Douglas Parker, der erst im Vorjahr US Airways und America West fusionierte, ist deshalb schwer daran interessiert, Delta noch während der Insolvenzphase zu übernehmen: Nur dann könne er sich die Firma so zurechtschneiden, dass sie maßgerecht in den Betrieb passt, heißt es bei Analysten. Trotzdem sehen sie Parker vor einer Herkulesaufgabe: „Das große Risiko besteht darin, die Gewerkschaften zu vereinen. Noch sind nicht einmal die Gruppen von US Airways und America West zusammengeführt“, warnt Phil Baggaley von Standard & Poor’s.

