Übernahmewelle
Chemiekonzerne stöhnen unter Akquisitionen

Kaum ist die erste Übernahmewelle in der Chemiebranche vorbei, schon schwappt die nächste heran. Nun hat US-Riese Dow Chemical den Chemiespezialisten Rohm & Haas übernommen. Mit der neuen Investition sollen Fehler der Vergangenheit ausgebügelt werden. Die Börse bewertet die Neukäufe eher kritisch.

FRANKFURT. Großübernahmen in der Chemiebranche entpuppen sich zunehmend für die Käufer als gefährliche, zum Teil existenzbedrohende Transaktionen. Einen dieser finanziell äußerst unangenehmen Happen muss nun auch der amerikanische Chemieriese Dow verdauen. Nach mehrmonatigem Streit einigte sich die Nummer zwei der Chemiebranche weltweit am Montagabend mit Rohm & Haas darauf, die bereits im vergangenen Sommer besiegelte Übernahme des Spezialchemieherstellers endgültig zu vollziehen.

Dow zahlt den damals vereinbarten Preis von rund 15,4 Mrd. Dollar, konnte gegenüber der ursprünglichen Vereinbarung aber Erleichterungen in der Finanzierung aushandeln. So werden die Großaktionäre von Rohm & Haas (R&H) vom Kaufpreises drei Mrd. Dollar nicht in bar, sondern in Form von Dow-Aktien erhalten. Zusammen mit den bereits im vergangenen Jahr zugesagten Engagements von Warren Buffetts Berkshire Hathaway und der Kuwait Investment Authority (KIO) kann Dow damit rund sieben Mrd. Dollar über neues Eigenkapital finanzieren. Zudem gelang es, längere Fristen für einen Überbrückungskredit von acht Mrd. Dollar aushandeln.

Der US-Konzern war in erhebliche Schwierigkeiten geraten, nachdem der Verkauf seiner Basischemie-Aktivitäten an ein Joint Venture mit der kuwaitischen Petroleum Industries Corporation (PIC) im Dezember überraschend scheiterte. Dieser sollte die R&H-Übernahme teilweise finanzieren. Ohne die Gelder aus dem Deal mit PIC, fürchtete Dow-Chef Andrew Liveris noch vor kurzem, könnte der R&H-Zukauf Dow finanziell zu Fall bringen. Dieses Risiko scheint nach den Zugeständnissen der Käufer gebannt.

Dennoch bleibt die Übernahme ein Kraftakt, der an den Grundfesten der amerikanischen Industrie-Ikone rüttelt. Immerhin wird mitten in der bislang heftigsten Konjunkturkrise die Nettoverschuldung des Konzerns auf etwa 21 Mrd. Dollar steigen, das ist fast das Vierfache des letztjährigen Gewinns vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda). Noch ungünstiger dürften die Bilanzrelationen 2009 aussehen. Wie skeptisch der Kapitalmarkt die Transaktion beurteilt, ist an dem dramatischen Wertverfall von Dow abzulesen: Nach Kursverlusten von gut 80 Prozent seit Abschluss des Deals im Juli 2008, wird Dow Chemical heute weniger als halb so hoch bewertet wie das Übernahme-Objekt Rohm & Haas.

Dabei steht der US-Konzern keineswegs alleine mit solchen akquisitionsbedingten Herausforderungen. Ebenso wie Dow hat zum Beispiel auch Branchenführer BASF für seine bisher größte Übernahme, den einschließlich übernommener Schulden rund 5,2 Mrd. Dollar teuren Kauf der Schweizer Ciba-Gruppe, letztlich einen deutlich zu hohen Preis geboten. Denn das Ciba-Geschäft mit Pigmenten, Kunststoffzusätzen und Papierchemikalien leidet inzwischen ebenso wie die entsprechenden BASF-Sparten massiv unter der Konjunkturkrise. Allerdings verfügt der Ludwigshafener Konzern über eine wesentlich höhere Finanzkraft und über günstigere Bilanzrelationen als Dow.

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