Aus eins mach 27: Der russische Stromkonzern UES ist ab heute Geschichte, die Stromindustrie privatisiert. Das heftige Wirtschaftswachstum zieht gleich einen ganzen Haufen ausländischer Investoren an, auch zwei deutsche und ein arabischer Investor steigen ein. Dabei ist der Markt noch voller Risiken.
MOSKAU. Das Aus für das Monopol markiert eine staatstragende Zeremonie: Anatolij Tschubais holt bei einer seiner letzten Amtshandlungen als Vorstandsvorsitzender von RAO United Energy Systems (UES) vor dem Hauptsitz des Stromkonzerns gestern in Moskau die Fahne mit dem Firmen-Symbol ein. Dazu erklingt die Unternehmenshymne. Kurz darauf flattern die Wimpel der 23 Nachfolge-Firmen im Wind. Die Privatisierung der russischen Stromindustrie ist abgeschlossen.
Die Reform – das einzige liberale Projekt in der Ära der Präsidentschaft Wladimir Putins, wie Tschubais gern betont – gilt bisher als Erfolg: Wenn UES, einst verantwortlich für 70 Prozent der russischen Stromversorgung, heute liquidiert wird und die Aktionäre dafür anteilsmäßig Papiere der Nachfolgegesellschaften zugeteilt bekommen, dürfte der Wert dieses Korbs bereits 40 Prozent über dem von UES liegen, schätzen Analysten. Der internationale Vergleich mit anderen Stromaktien zeigt aber auch: Die UES-Enkel werden mit einem Abschlag gehandelt – wegen der Risiken, die auf die Branche in Russland zu kommen.
Die 2003 beschlossene Reform soll vor allem eines erreichen: Investitionen in den Sektor locken, der wegen seines maroden Zustands zu einem echten Wachstumshemmnis zu werden droht. Die Strommarktreform setzt explizit darauf, dass der Staat sich nur noch das Netz sowie die Kernkraftwerkgesellschaften und einen großen Wasserkraftwerkverbund kontrolliert, während die Erzeugung von Strom Privaten überlassen wird und die Strompreise bis 2011 vollständig liberalisiert werden. Die Summen, die in den Sektor fließen müssen, sind gigantisch: Putin, heute Russlands Ministerpräsident, bezifferte kürzlich das Investitionsvolumen bis 2020 auf rund 845 Mrd. Dollar in Stromerzeugung und -netze. In den kommenden sieben Jahren will der Staat 60 Mrd. Dollar in den Ausbau des Leitungssystems stecken.
Dank des kräftigen Wirtschaftswachstums in Russland und der damit verbundenen zusätzlichen Nachfrage nach Elektrizität – die Regierung erwartet, dass der Bedarf an Strom 2020 um 70 Prozent höher liegt als heute – wittern Investoren Chancen. „Viele Kraftwerksgesellschaften sind noch nicht profitabel“, sagt Alexander Branis, Direktor von Prosperity Capital Management, die rund 2,5 Mrd. Dollar in dem Sektor investiert haben. Das Potenzial für Kostensenkungen sei enorm.
Außer Eon und RWE haben sich unter anderem die italienische Enel und Fortum aus Finnland an regionalen Kraftwerksgesellschaften beteiligt. Der größte und im Zuge der Reform auch letzte Stromerzeuger aus dem UES-Imperium, OGK-1, steht kurz davor, von der staatlichen Gesellschaft Dubai World und dem russischen Investor Roskommunenergo für 5,34 Mrd. Dollar übernommen zu werden. Dies wäre die erste Investition aus Nahost im russischen Energiesektor.
Russlands Elektrizitätswirtschaft lockt zwar mit steigender Nachfrage – doch es bleiben Risiken, vor allem politische: Zwar steht das Bekenntnis der Führung, bis 2011 die freie Tarifgestaltung einzuführen, doch bis dahin müssen die künstlich niedrigen Preise kräftig steigen. Sollte der neue Präsident Dmitrij Medwedjew, auch angesichts des hohen Inflationsrisikos für die russische Wirtschaft, langsamer vorgehen, könnte dies einige Kraftwerksgesellschaften und ihre Investitionspläne in Schwierigkeiten bringen. Branis von Prosperity Capital ist allerdings zuversichtlich, dass die Politiker den Zeitplan für die Liberalisierung der Tarife einhält: „Die Regierung ist vor allem daran interessiert, Versorgungssicherheit zu gewährleisten“, sagt er. Der einzige Weg dahin sei, mit der Reform weiter zu machen.
Zumindest in einer Frage hat Medwedjew schon eindeutig Flagge gezeigt: Einem geplanten Gemeinschaftsunternehmen des Gaskonzerns Gazprom, der sich aus dem UES-Erbe die Kontrolle über den Moskauer Versorger Mosenergo gesichert hat, und des größten russischen Kohleförderers Suek erteilte er eine klare Absage. Die Gefahr, dass ein staatlicher Monopolist durch den nächsten ersetzt wird, scheint für den Augenblick gebannt.

