Ungewöhnlicher Klimaschutz
Klima, Krawatte und Konjunktur

Japans Regierung hat sich im Klimaschutz zu ehrgeizigen Zielen verpflichtet: Sechs Prozent weniger Treibhausgase als im Jahr 1990 will das Industrieland bis 2010 ausstoßen. Ministerpräsident Junichiro Koizumi und seine Umweltministerin Yuriko Koike verlangen viel von ihren Mitbürgern, um diesem Ziel näher zu kommen. In einer Kampagne, die seit vergangenem Jahr läuft, wollen sie Tokios Geschäftswelt dazu bringen, auf Krawatte und Jackett zu verzichten.

TOKIO. Wenn Japans Angestellte statt bei klimatisierten Kühlschranktemperaturen bei sommerlichen 28 Grad arbeiten würden, so eine Berechnung aus dem japanischen Umweltministerium, könnte zusammen mit anderen Verhaltensänderungen der CO2-Ausstoß um 1,4 Prozent sinken. Bei 28 Grad sind Krawatte und Jackett aber zu heiß für die Arbeit.

Koizumi und Koike geben alles, um den Japanern diesen Gedanken nahe zu bringen. Koizumi selbst verzichtet immer öfter auf den Schlips. Er ließ sich für eine Plakataktion fotografieren, wie er als einer von vielen Japanern einfach so im Hemd da steht – als Führer des „Teams sechs Prozent“. Die Krawatten-Kampagne heißt „cool biz“, was auch darauf hinweisen soll, dass es viel schwungvoller wirkt, ohne allzu strenge Kleidung im Büro aufzukreuzen.

Koike ging noch weiter. Sie zeigt auf einem der Plakatmotive viel Bein und sagt dazu: „Liebe Männer, wenn ihr das Jackett weglasst, dann können wir Frauen im Office auf die Wärmedecke verzichten.“ – Und euch unsere schönen Beine zeigen, meint sie wohl weiter.

Das Umweltministerium gehe mit gutem Beispiel voran und empfehle intern legere Kleidung, sagt ein Regierungsbeamter. Er gibt aber zu, dass viele Beamte weiter korrekt gekleidet zur Arbeit kommen. Da die Ministerin trotzdem die Klimaanlage herunterfahren ließ, schwitzen die Staatsdiener eben für ihr Land.

Neben dem Klimaschutz verfolgt die Regierung mit der Aktion „cool biz“ noch ein wirtschaftspolitisches Ziel. Sie will damit auch die Konjunktur ankurbeln. Wenn sich die Armee von Angestellten plötzlich schöne Freizeithemden für die Arbeit kaufen muss, dann bringt das der einheimischen Modeindustrie einen Schub.

Die offizielle Regierungsstatistik weist tatsächlich Erfolge für die Bekleidungswirtschaft aus. 600 Mrd. Yen (4,2 Mrd. Euro) Mehrumsatz soll der höchststaatliche Aufruf der Branche gebracht haben. Weniger gut sieht es für die Klimaseite aus. Der japanische Verband der Elektrizitätswirtschaft meldet eine Einsparung von knapp 80 000 Tonnen CO2 durch die Kampagne. Doch Japans Handelssektor allein erzeugt jährlich 144 Mill. Tonnen des Treibhausgases.

Jetzt im Mai gehen die Temperaturen in Tokio schnell herauf, und einer Umfrage zufolge wollen knapp 60 Prozent der Unternehmen an dem Projekt teilnehmen. Aber: „Ich will Karriere machen, da muss ich korrekt aussehen“, sagt ein junger Manager eines Handelskonzerns. Viel-leicht sind die Bemühungen Koizumis und Koikes auch eher der erste Schritt auf einem langen Weg zum Klimaschutz.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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