Unruhe in Schwaben
Zinkpest frisst an Märklins Nerven

Vor zwei Jahren stand Märklin vor dem Aus. Dann übernahm der britische Finanzinvestor Kingsbridge den weltgrößten Hersteller von Modelleisenbahnen - umjubelt von frustrierten Mitarbeitern. Heute sieht die Zwischenbilanz ernüchternd aus. Zwei Produktionsstandorte wurden 2007 geschlossen, jetzt hat die Geschäftsführung eine Firmenlegende aus dem Haus geworfen.

GÖPPINGEN. Der schwäbische Modellbahnbauer Märklin führt einen Rechtsstreit mit einem seiner verdientesten Mitarbeiter. Chefentwickler Klaus Kern, der seit 23 Jahren im Unternehmen ist, wurde am 22. Februar von seinem Vorgesetzen in ein Taxi gesetzt und angewiesen, das Firmengelände nicht wieder zu betreten. Da sich Kern keiner Schuld bewusst ist, legte er Widerspruch ein. Am Dienstag um 9:40 Uhr sehen sich die Parteien wieder - vor dem Arbeitsgericht Stuttgart.

Weder Kern noch Märklin wollten sich zu den Einzelheiten der Kündigung äußern. Hintergrund ist offenbar eine Diskussion über Qualitätsmängel bei Märklin, die Kern mit einem Kunden im Internet führte. Der Kunde hatte sich beschwert, dass eine Märklin-Lok Verformungsspuren aufwies. Kern hatte vermutet, dass es sich bei der Lok um eine Fälschung handeln müsse, weil er aus Bildern auf Materialfehler schließen konnte.

Im Laufe der Diskussion stellte sich offenbar heraus, dass die Lok tatsächlich von Märklin stammte. Die Verantwortung für das mangelhafte Material fällt damit auf Märklin zurück. Intern ist das Problem unter dem Stichwort „Zinkpest“ bekannt. Als Grund für die Mängel wird die Produktionsverlagerung von Göppingen nach Osteuropa und China vermutet. Damit hätte Märklin ein Grundsatzproblem. Die Geschäftsführung hatte den Kunden stets garantiert, die Produktionsverlagerungen würden die Qualität der Loks nicht schmälern. Auf Nachfrage sagt Geschäftsführer Axel Dietz auch heute: „Nach unseren internen Qualitätsberichten gibt es keinerlei Steigerungen von Qualitätsproblemen.“

Doch neben nachweislich mangelhaften Produkten hat Märklin auch beim Marketing ein Problem. Wie das Unternehmen zugibt, wurde der Weihnachtskatalog 2007 erst kurz vor den Feiertagen ausgeliefert. „Es gab Probleme bei der Druckvorbereitung und auch bei der Auslieferung“, erklärt Dietz. Die Fehler hätten sich aber auf das Weihnachtsgeschäft nicht ausgewirkt. Die Betroffenen sind anderer Meinung. „Für ein Unternehmen, das einen Großteil seines Geschäfts in der Weihnachtssaison macht, sind solche Patzer nicht zu entschuldigen“, sagt ein Märklin-Händler. „Wie sollen wir die Produkte verkaufen, wenn wir sie dem Kunden nicht zeigen können?“

Märklin steht damit auch zwei Jahre nach Erwerb durch den Finanzinvestor Kingsbridge Capital noch immer auf unsicheren Gleisen. Den Verlust für 2007 beziffert Dietz auf „ungefähr in Höhe des Vorjahres“. Da lag der Konzernjahresfehlbetrag laut Bundesanzeiger bei 13,7 Millionen Euro. Der Umsatz konnte nur durch Zukäufe bei 126 Millionen Euro gehalten werden.

Kingsbridge hatte Märklin 2006 übernommen. Die Geschäftsführung wurde komplett ausgetauscht, Kingsbridge setzte gleich mehrere Sanierungsspezialisten der Unternehmensberatung Alix ein. Im Februar 2007 dann übernahm Dietz den Vorsitz der Geschäftsführung. Dietz kam von Müller Milch. Zwischen Dietz und dem Alix-Manager Ulrich Wlecke, der in den Beirat wechselte, kam es jedoch schnell zu Unstimmigkeiten - vor allem wegen unterschiedlicher Ansichten zu einem Märklin-Erlebnispark. Der Investor Kingsbridge hat Alix inzwischen aus dem Unternehmen abgezogen. Seit kurzem gehen die Unternehmensberater von Admova bei Märklin ein und aus. „Jetzt haben wir neue Berater aber keinen Chefentwickler mehr“, sagt ein Mitarbeiter. „Ich weiß nicht, ob uns das weiterbringt.“

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche
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