Unter Verdacht
„Clearstream“-Affäre erfasst zunehmend EADS

Die „Clearstream“-Verleumdungsaffäre, die derzeit die französische Regierung erschüttert, erfasst zunehmend den europäischen Flugtechnikkonzern EADS. Der unter Verleumdungsverdacht geratene EADS-Chefstratege Jean-Louis Gergorin ließ sich am Mittwoch beurlauben, um sich voll seiner Verteidigung zu widmen.

HB PARIS.Gergorin wird verdächtigt, gefälschte Dateien der Luxemburger Finanzclearingstelle Clearstream verbreitet zu haben, mit denen Innenminister Nicolas Sarkozy, dem damaligen Airbus-Manager Philippe Delmas und anderen Politikern und Managern Korruption bei Waffengeschäften und Schwarzkonten im Ausland unterstellt wurden. EADS betonte, dass kein offizielles Ermittlungsverfahren gegen den Manager läuft.

Premierminister Dominique de Villepin steht seit Tagen unter starkem Rücktrittsdruck, weil er die falschen Anschuldigungen genutzt haben soll, seinen Rivalen Nicolas Sarkozy politisch zu destabilisieren. Ausgangspunkt der Affäre soll ein innerfranzösischer Grabenkrieg um die Macht bei EADS und der Konzerntochter Airbus sein, der 2005 mit der Neubesetzung der EADS-Doppelspitze endete.

Anfang 2004 hatte ein anonymer „Insider“ dem Ermittlungsrichter Renaud van Ruymbeke Computerdaten der Deutsche-Börse-Tochter Clearstream zugespielt. Die Ausgleichstelle für Bank- und Börsengeschäfte sei eine riesige Waschanlage für Schwarzgeld aus Rüstungsgeschäften. Ruymbeke ermittelte, dass die Computerdaten gefälscht waren. Villepin und Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie ließen mit gleichem Ergebnis die Geheimdienste DGSE und DST in dem Fall ermitteln. Sie gaben ihre Erkenntnisse aber nicht weiter, so dass der falsche Verdacht gegen Sarkozy blieb.

Um den Verleumder zu enttarnen, machte die französische Justiz unter anderem Hausdurchsuchungen bei Airbus-Chef Gustav Humbert und dem EADS-Co-Chef Noël Forgeard, in der Zentrale des Geheimdienstes DGSE und bei Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie sowie beim Geheimdienstgeneral im Ruhestand Philippe Rondot, der für Villepin und Alliot-Marie ermittelt hatte. Dabei tauchte immer wieder der Name Gergorin auf.

Gergorin hatte nach Rondots Aussagen die Listen Ende 2003 dem DGSE-General und Anfang 2004 dem damaligen Außenminister Villepin übergeben, mit dem er befreundet ist. Am Mittwoch enthüllte das Pariser Blatt „Le Canard Enchainé“, dass Gergorin Ende April 2004 den Ermittlungsrichter Ruymbeke heimlich getroffen habe, um ihm Informationen über Schmiergeldzahlungen bei Rüstungsgeschäften zu stecken. Im Mai und Juni 2004 seien dieselben Informationen anonym an Ruymbeke gegangen und hätten die Justizermittlungen ausgelöst. Diese Zeitungsinformation führte nun offenbar zur Suspendierung von Gergorins Managertätigkeit.

Die gefälschten Datensätze sollen auf echten Clearstream-Dateien beruhen, die der Informatiker Imad Lahoud von einem Enthüllungsjournalisten bekam. Lahoud wurde von Gergorin bei EADS eingeführt, wo er Forschungsdirektor ist. Zuvor soll er für den Geheimdienst DGSE Clearstream nach Terroristengeldern durchleuchtet haben. Lahoud bestreitet jede Verfälschung der Daten. Gergorin gehört mit Philippe Camus und Forgeard zu den französischen EADS-Gründern. Im Führungskampf des damaligen EADS-Co-Chefs Camus mit Airbus-Chef Forgeard hatte er zu Camus gehalten und Forgeards Strategen Delmas bekämpft. Der Machtkampf endete mit der Ablösung Camus' durch Forgeard in der EADS-Spitze.

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