Unternehmen verdienen und riskieren 2004 wieder mehr
US-Konzerne zeigen neues Selbstbewusstsein

Misst man den Erfolg US-amerikanischer Unternehmen am Gehaltsscheck ihrer Manager, geht es den Firmen so gut wie schon lange nicht mehr. Nach einer Untersuchung der Beratungsfirma Mercer für das "Wall Street Journal" sind die Boni für die Chefs der 100 größten US-Konzerne im vergangenen Jahr um fast 50 Prozent gestiegen. Mehr als 1,1 Mill. Dollar hat der Durchschnitts-CEO zusätzlich zu seinem Grundgehalt eingesteckt.

NEW YORK. Spätestens seit viele Manager während des Internet-Booms abkassiert haben weiß man, dass hohe Gehälter nicht immer die wirtschaftliche Lage der Unternehmen widerspiegeln. Heute scheinen sich jedoch bei der Mehrzahl der Firmen Manager-Gehälter und Gewinne in die gleiche Richtung zu bewegen - sind doch auch die Profite der im Börsenindex S&P 500 notierten US-Konzerne 2004 um etwa 20 Prozent gestiegen. In absoluten Zahlen ist der Ölkonzern Exxon Mobil mit einem Gewinn von mehr als 25 Mrd. Dollar Spitzenreiter.

David Wyss, Chefökonom der Kreditbewertungsagentur Standard & Poor?s, rechnet zwar damit, dass Corporate America in diesem Jahr etwas kürzer treten muss - schon wegen der hohen Ölpreise, die wieder deutlich über 50 Dollar für das Fass liegen. "Die Gewinne werden jedoch auch in diesem Jahr immer noch stärker wachsen als die Wirtschaft insgesamt", sagt Wyss.

Ein Grund dafür könnte sein, dass es den Firmen nach Beobachtung der US-Notenbank Federal Reserve leichter fällt, die hohen Rohstoffkosten an ihre Kunden weiterzureichen. Das war vor wenigen Monaten noch ganz anders. Da klagten die Unternehmen vieler Branchen, dass ihnen die Preismacht durch den harten Konkurrenzkampf völlig abhanden gekommen sei. Die vollen Kassen und das zurückgewonnene Selbstbewusstsein haben auch die Investitions- und Einstellungsfreude der Firmen geweckt. Die Ausgaben für Maschinen und Software stiegen im vergangenen Jahr um fast 14 Prozent. Selbst der lange brachliegende Gewerbebau ist wieder in Gang gekommen und verzeichnete im Januar 2005 seinen ersten Zuwachs seit Jahren. Offensichtlich aufgegeben haben die Firmen auch ihre Zurückhaltung bei Neueinstellungen: Allein im Februar 2005 entstanden in den amerikanischen Unternehmen 262 000 neue Jobs.

Avinash Kaza, Ökonom bei Goldman Sachs, führt die gestiegene Ausgabenfreude auch auf die Welle von Fusionen und Übernahmen der vergangenen Monate zurück. Im Januar 2005 erreichte das Volumen der Firmentransaktionen mit 130 Mrd. Dollar den höchsten Stand seit fünf Jahren. "Wenn sich Firmen zusammenschließen, sind häufig Investitionen notwendig, um die Geschäftspläne in Übereinstimmung zu bringen", schreibt Kaza in einer Studie.

Angesichts dieser günstigen Rahmenbedingungen könnte man meinen, dass die Aktionäre den Managern auf den diesjährigen Hauptversammlungen kräftig auf die Schulter klopfen. Nicht überall wird das aber der Fall sein. Beispiel General Motors (GM): Beim größten Autokonzern der Welt brodelt es kräftig. Die Produktion sinkt, die Ausgaben für die betriebliche Krankenversicherung steigen. Anhaltende Verluste in Europa und die hohe Vergleichszahlung von zwei Mrd. Dollar an Fiat runden das trübe Bild ab. Der GM-Kurs ist unter der Führung von Konzernchef Rick Wagoner um die Hälfte gesunken. Schon wird in der Branche über seine Ablösung spekuliert.

Keineswegs heil ist die Welt auch bei dem Computerbauer Hewlett-Packard (HP), dem Flugzeughersteller Boeing und dem Medienkonzern Walt Disney. Alle drei Unternehmen suchen mehr oder weniger verzweifelt nach einem Chef. Während man bei Disney jetzt fündig geworden ist, sind HP und Boeing nach dem kurzfristigen Rausschmiss ihrer CEOs im Moment kopflos. Das rigorose Vorgehen zeigt zwar, dass die unabhängigen Direktoren ihre Aufsichtspflicht jetzt ernst nehmen. Zugleich wird jedoch deutlich, dass viele Firmenchefs es versäumen, frühzeitig eine Nachfolgeregelung zu treffen.

Dass ist nicht die einzige Schwäche in der Unternehmensführung. "Immer noch haben Aktionäre nur sehr begrenzte Möglichkeiten, selbst unabhängige Direktoren für ein Board vorzuschlagen", sagt Elliot Schwartz vom Council of Institutional Investors. Eine Ämtertrennung zwischen Firmenchef (CEO) und Aufsichtsratschef (Chairman) ist noch immer die Ausnahme. Und im Kongress in Washington formiert sich wachsender Widerstand gegen die schon beschlossene Absicht, die Aktienoptionen als Kosten künftig in der Bilanz auszuweisen. "Wir erleben momentan eine Gegenreaktion auf die Reformbewegung der vergangenen Jahre", sagt John Coffee, Professor für Unternehmensrecht an der Columbia University.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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