Unternehmensberater warnen vor Folgen der Kostensenkungsprogramme
Wirtschaft gibt beim Sparen Gas

Die Unternehmen in Deutschland läuten eine neue Runde bei den Kostenreduzierungen ein. Jüngstes Beispiel: Der Reifenhersteller Michelin hat sich jetzt mit den Gewerkschaften darauf geeinigt, an seinen deutschen Standorten die Kosten bis 2008 um rund 30 Prozent zu senken. Auch andere Konzerne haben sich ehrgeizige Sparziele gesteckt. Unternehmensberater warnen bereits vor den Folgen zu starker Einsparungen.

hz/mjh/ebe/ost/dih DÜSSELDORF. Bei Michelin hieß es am Dienstag, die Einsparungen seien erforderlich, um die Reifenproduktion in Deutschland zu sichern. Entlassungen und Lohnkürzungen würden vermieden, sagte Deutschland-Chef Jürgen Eitel. Das mit Arbeitnehmervertretern und dem Arbeitgeberverband Chemie vereinbarte Programm EVA („Evolution Allemagne“) sieht eine Reduzierung der Personalkosten in den kommenden Jahren um zehn bis zwölf Mill. Euro sowie eine Steigerung der Produktivität durch Modernisierung der Anlagen vor. Ohne Kostensenkungen würden die deutschen Werke mit ihren 6 500 Beschäftigten den Wettlauf um Investitionen verlieren, sagte Eitel. Der deutsche Konkurrent Continental hatte sich bereits im Frühjahr mit seinen Beschäftigten in der LKW-Reifenfertigung in Hannover auf eine Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich geeinigt.

Auch die Autohersteller VW und Opel verhandeln derzeit über Zugeständnisse der westdeutschen Belegschaft. Volkswagen fordert zwei Nullrunden sowie weitere Einschnitte wie etwa geringere Zuschläge für Überstunden. Insgesamt sollen die Arbeitskosten bis 2011 um 30 Prozent gesenkt werden, dadurch aber alle rund 176 000 Arbeitsplätze der VW-Gruppe in Deutschland gesichert werden. Das Opel-Management will den angeschlagenen Autobauer ebenfalls mit einem harten Sparkurs wieder flottmachen. Der Vorstand schlägt unter anderem vor, dass die 32 000 Beschäftigten in den Werken in Rüsselsheim, Bochum und Kaiserslautern länger arbeiten und auf einen Lohnausgleich verzichten.

Der weltweit größte Hersteller von Getränkeabfüllanlagen und Verpackungsmaschinen, Krones, will im Oktober mit der IG Metall über ein Sparpaket verhandeln. Die 7 300 Beschäftigten in Deutschland sollen künftig 40 statt bisher 35 Stunden in der Woche arbeiten. Die Mehrarbeit soll abhängig vom Unternehmenserfolg bezahlt werden.

Doch nicht nur klassische Industriebranchen stehen unter Kostendruck. So sehen sich etwa die deutschen Tourismusunternehmen zu radikalen Sparmaßnahmen gezwungen: Die Lufthansa etwa will bis Ende nächsten Jahres 1,2 Mrd. Euro einsparen und dabei 2 000 Jobs abbauen. Allein bei der Fracht-Tochter Lufthansa Cargo soll jede zehnte der rund 5 000 Stellen wegfallen. Auch die beiden Reisekonzerne Tui und Thomas Cook haben ehrgeizige Sparprogramme aufgelegt. Die deutschen Großbanken haben bereits tief greifende Einschnitte hinter sich: In den vergangenen Jahren bauten allein Deutsche, Dresdner, Hypo-Vereinsbank (HVB) und Commerzbank fast 50 000 Stellen ab.

Ökonomen begrüßen grundsätzlich die Pläne der Konzerne: Die Reduzierung des „immer noch stark überhöhten Kostenniveaus“ verlangsame „in jedem Fall die Produktionsverlagerung nach Osteuropa und trägt damit dazu bei, Deutschland auf Dauer als Produktionsstandort attraktiv zu halten“, sagte Holger Fahrinkrug, Deutschland-Experte der Schweizer Großbank UBS. Allerdings sei die Diskussion sehr einseitig: In Deutschland werde nur noch über Kostensenkungen geredet. „Das kann nicht das einzige Ziel sein“, sagte Fahrinkrug. Ähnlich argumentiert Fritz Kröger, Vizepräsident der Unternehmensberatung A.T. Kearney: „Es ist typisch deutsch, im Zweifel lieber die Kosten zu senken und auf Wachstum zu verzichten.“ Wer immer nur die Kosten senke, ohne das mit Wachstumsinitiativen zu verbinden, der lähme das Unternehmen. Uwe Reinert von der Unternehmensberatung Bain & Company sieht kein Ende der Kostensenkungsrunden: „Die deutschen Unternehmen flüchten seit 30 Jahren vor den steigenden Lohnkosten aus der Arbeit, und das wird auch so weitergehen.“ Die Investitionen in weitere Rationalisierungen würden allerdings immer höher.

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