Unternehmensentwicklung
Falsche Prognosen kosten Marktwert

Unzuverlässige Prognosen zur Unternehmensentwicklung belasten die Aktienkurse börsennotierter Firmen. Diese an sich simple Feststellung beherzigen bislang die wenigsten Unternehmen, zeigt eine jetzt erschienene Studie der Wirtschaftsberater von KPMG. Bei ihren Vorhersagen liegen die meisten Firmen regelmäßig daneben.

ZÜRICH. Gerade ein Prozent der weltweit 539 befragten Firmen- und Finanzchefs konnten ankreuzen, dass sie mit ihren Vorhersagen die Wahrheit genau getroffen haben. 23 Prozent kamen immerhin noch auf einen Ungenauigkeitsgrad von einem bis fünf Prozent. Der große Rest lag schlicht total daneben, was die betroffenen Unternehmen damit bezahlten, dass sich ihr Aktienkurs im Schnitt um sechs Prozent schlechter entwickelte als bei den Spitzenreitern.

„Viele Unternehmen sehen die Sache nicht ernst genug und betrachten die Erstellung von Prognosen eher als Kunst denn als Wissenschaft“, kritisiert KPMG-Partner Giulio De Lucia. Nach seiner Meinung ist die Folge einer falschen Prognose nicht nur ein im Vergleich zur treffgenaueren Konkurrenz schwächelnder Aktienkurs; die Konsequenzen sind gravierender: Nur akkurate Prognosen lieferten die richtige Grundlage für weitreichende strategische Entscheidungen. „Eine enge Beziehung zwischen schlechten Prognosen und schwächerer Performance lässt sich nicht verleugnen.“

Genau die Hälfte der Befragten Unternehmen gaben Prognosen ab, die deutlich unter den dann erzielten Ergebnissen lagen – wobei etwa Ueli Dietiker, Finanzchef bei der Schweizer Swisscom, klar macht, dass interne Zahlen oft detaillierter und treffgenauer ausfallen als das, was extern kommuniziert wird. Denn da legt sich ein Unternehmen möglichst auf eine einheitliche Linie fest, die dann vom Konzernchef bis zum Investor-Relations-Manager durchgehalten wird.

Beim Abstimmungsprozess innerhalb des Unternehmens lägen zudem die Ziele, die von oben vorgegeben werden, meist über dem, was von den einzelnen Abteilungen als realistisch eingeschätzt werde. Beide Seiten müssen dann erst eine gemeinsame Linie finden. Zu konservative Vorhersagen, sagt KPMG-Mann De Lucia, seien auch ein Übel, das mit falschen Anreizsystemen zusammenhänge: Manager, die besser bezahlt werden, wenn sie die eigenen Vorhersagen übertreffen, neigten zur Selbstunterschätzung. Er schlägt vor, bei der Bezahlung der Manager auch immer eine Formel einzubauen, die die Unternehmensentwicklung im Vergleich zur Konkurrenz berücksichtigt.

Bei Analysten sorgen beide Arten von Irrtümern – also Prognosen, die über und solche, die unter den tatsächlichen Ergebnissen liegen – für Unmut. „Wenn ein Unternehmen mit seiner Prognose daneben liegt, gibt es immer etwas zu erklären“, sagt Ewen Stewart, Analyst bei ABN Amro. Das hätte inzwischen auch die oberste Führungsetage begriffen. Aber selbst bei erklärbaren Irrtümern blieben Nachwirkungen, warnt er. Mit Blick auf die aktuelle Situation an den Aktienmärkten, wo Rezessionsangst derzeit zu hohen Ausschlägen nach oben und unten bei den Kursen führt, fügt der Analyst hinzu: „Wir sehen im Moment mehr als nur ein Fragezeichen. Das bedeutet, das Risiko, bei Vorhersagen falsch zu liegen, steigt.“ Eine höhere Genauigkeit lässt sich nach den Erkenntnissen der Studie nur erreichen, wenn Firmen ihre Prognosen nicht allein den Rechenexperten am Computer überlassen.

Als Beispiel wird in der Studie ein genauerer Blick auf den Energieerzeuger Statoil geworfen. Bjarte Bogsnes, der für die Prognosen bei Statoil verantwortlich ist, beschreibt seinen Ansatz: „Unsere Prognosen kommen von der Verkaufsfront, wo die Leute über die entsprechenden Informationen verfügen.“ Sie werden außerdem stets in Beziehung zu dem gesetzt, was die Konkurrenz erwartet. Und, fügt Bogsnes hinzu, sie dürften nicht als erstes an die vielleicht gewünschten Unternehmensziele angepasst werden: „Es muss uns zunächst mal brutal gleichgültig sein, ob wir das, was wir sehen, mögen oder nicht.“

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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