Industrie

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Unternehmenskrisen: Deutschlands Konzerne im Abwärtssog

Traditionsmarken wie Commerzbank, aber auch frühere Vorzeigeunternehmen wie K+S kämpfen gegen den Niedergang. Gewinneinbrüche erschüttern selbst Schwergewichte der deutschen Wirtschaft. Warum geht es ihnen so schlecht?

Solarworld-Chef Frank Asbeck kann aufatmen: Die Gefahr einer Insolvenz ist erst einmal gebannt. Quelle: dpa
Solarworld-Chef Frank Asbeck kann aufatmen: Die Gefahr einer Insolvenz ist erst einmal gebannt. Quelle: dpa

Die Nahtoderfahrung des Bonner Ökopioniers Solarworld ist nur das jüngste Beispiel einer ganzen Serie von Unternehmenskrisen: Dem hoch verschuldeten Bonner Immobilienkonzern IVG droht der Kollaps. Die Baumarktkette Praktiker rabattierte sich im Juli in die Pleite. Der oberfränkische Fernsehhersteller Loewe flüchtete ebenso wie der traditionsreiche Suhrkamp-Verlag unter einen Insolvenz-Schutzschirm.

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Mit Wucht werden derzeit selbst Konzernschwergewichte durchgeschüttelt: Zerschlagungsgerüchte erschüttern den Stahlgiganten ThyssenKrupp. Siemens-Chef Peter Löscherwurde wegen chronischer Renditeschwäche vom Hof gejagt. Dem Düngemittelproduzenten K+S droht nach einer dramatischen Kursschmelze gar der Rauswurf aus der ersten Börsenliga. Nebenher orchestrieren energiewendegeplagte Versorger und dauerkriselnde Finanzhäusern das Konzernrequiem.

Doch steckt hinter Großpleiten und Gewinneinbrüchen mehr als eine zufällige Häufung prominenter Einzelfälle? Schließlich tendiert der deutsche Aktienindex Dax nahe seinem Höchststand, die Konjunkturdaten sind solide, und Politiker aller Parteien preisen unverdrossen die Stärke der heimischen Wirtschaft.

Der Niedergang der deutschen Solarindustrie

  • 13. Dezember 2011

    Das Berliner Solarunternehmen Solon ist pleite. Die Aktiengesellschaft verbuchte 2011 einen Verlust von mehr als 200 Millionen Euro. Das indisch-arabische Unternehmen Microsol übernimmt Solon im März aus der Insolvenz. 433 von 471 Arbeitsplätzen in Berlin bleiben zunächst erhalten, der Standort Greifswald wird geschlossen. Für 2013 sieht das Unternehmen wieder Chancen auf einen Gewinn.

  • 21. Dezember 2011

    Der Erlanger Solarkraftwerk-Hersteller Solar Millennium beantragt die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens, das im Februar 2012 eröffnet wird. Die Aktiengesellschaft mit 60 Mitarbeitern ist auf Solarthermie-Technik spezialisiert.

  • 3. April 2012

    Der einst weltgrößte Solarzellenhersteller Q-Cells in Bitterfeld-Wolfen beantragt Insolvenz. Das Unternehmen mit einst 1300 Jobs am Stammsitz galt lange als Sonnenstrahl in Sachsen-Anhalt. Ende August wird das Unternehmen vom südkoreanischen Mischkonzern Hanwha übernommen und ist damit vorerst gerettet, der größte Teil der Jobs bleibt erhalten.

  • 17. April 2012

    Das US-Unternehmen First Solar kündigt an, sein Werk in Frankfurt (Oder) schließen zu wollen. Ende Dezember ist für die Beschäftigten der letzte reguläre Arbeitstag. Bis spätestens Ende Mai 2013 verlieren damit alle 1200 Beschäftigten des Solarmodulherstellers ihren Job. Die Suche nach Investoren läuft aber weiter.

  • 25. Juni 2012

    Die Berliner Global Solar Energy Deutschland (GSED) mit 133 Mitarbeitern meldet Insolvenz an. Die Tochter der amerikanischen Global Solar Energy produzierte seit 2008 flexible Dünnschicht-Solarzellen.

  • 10. Juli 2012

    Die Berliner Global Solar Energy Deutschland (GSED) mit 133 Mitarbeitern meldet Insolvenz an. Die Tochter der amerikanischen Global Solar Energy produzierte seit 2008 flexible Dünnschicht-Solarzellen.

  • 21. August 2012

    Die Solarfirma Sovello in Sachsen-Anhalt stellt nach erfolgloser Investorensuche die Produktion ein. Den noch rund 1000 Mitarbeitern wird endgültig gekündigt. Sovello war eine Abspaltung des Ex-Weltmarktführers Q-Cells und hatte im Mai Insolvenz beantragt. Mitte Februar will der Insolvenzverwalter die Maschinen und das sonstige Inventar der Firma versteigern.

  • 6. September 2012

    Die EU-Kommission leitet ein Antidumping-Verfahren gegen die chinesische Solarbranche ein. Die Wettbewerbsbehörde will prüfen, ob die Asiaten mit zu niedrigen Preisen den Wettbewerb schädigen. Sie reagiert damit auf einen Antrag von europäischen Solarfirmen wie der Bonner Solarworld, die sich durch die Billigkonkurrenz aus China geschädigt fühlen. Eine Entscheidung über mögliche Strafzölle steht noch aus.

  • 18. Oktober 2012

    Der Solartechnikhersteller SMA Solar will sich von 450 seiner weltweit gut 5500 Mitarbeiter sowie von 600 Zeitarbeitern trennen. Denn für 2013 wird mit einem kräftigen Rückgang des Umsatzes gerechnet. Der nach eigenen Angaben Weltmarktführer bei sogenannten Wechselrichtern, einer zentralen Komponente von Solarstromanlagen, hatte sich in der ersten Hälfte 2012 anders als viele Unternehmen der Branche noch relativ gut geschlagen.

  • 23. Januar 2013

    Der Technologieriese Bosch gibt bekannt, dass seine ab dem Jahr 2008 teuer aufgebaute Sonnenenergiesparte 2012 gut eine Milliarde Euro Verlust eingefahren hat. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) des in der schwächelnden Weltkonjunktur ohnehin unter Druck stehenden Konzerns sei entsprechend auf etwa eine Milliarde Euro eingebrochen (2011: 2,7 Mrd Euro). Das Traditionsunternehmen kündigt eisernes Sparen an. Zentraler Standort der Solartochter ist Thüringen. Bosch Solar Energy hatte nach aktuellsten Angaben des Konzerns mit Stand vom Dezember 2012 weltweit rund 3200 Mitarbeiter.

  • 24. Januar 2013

    Die Krise der Solarbranche bringt auch Solarworld immer stärker in Bedrängnis. Das einstige Vorzeigeunternehmen teilt mit, dass mit Gläubigern über einen Schuldenschnitt gesprochen werden solle. Es kommt auch zu weiteren Stellenstreichungen.

  • 5.Juli 2013

    Nachdem das Hamburger Solarunternehmen Conergy seit Jahren Verluste schrieb, meldete es am 5. Juli schließlich Insolvenz an. Bis zuletzt hatte das Unternehmen auf einen rettenden Investor aus Asien gesetzt, der Bankverbindlichkeiten ablösen und frisches Geld zuschießen sollte.

Tatsächlich ist die Lage gespalten. „Einerseits geht die Zahl der Unternehmensinsolvenzen deutlich zurück“, heißt es beim Verband der Insolvenzverwalter Deutschlands. „Gleichzeitig gibt es seit Monaten eine auffällige Häufung von Großinsolvenzen mit enormen finanziellen Schäden und einer großen Anzahl gefährdeter Arbeitsplätze.“

Was also ist los in den deutschen Konzernzentralen? Warum geraten ausgerechnet bekannte Marken und vermeintlich stabile Großunternehmen ins Wanken?

Fest steht: Das Gros der Krisen ist hausgemacht – die banale Erkenntnis hat nicht an Gültigkeit verloren. Doch jenseits aller operativen Fehlgriffe, aller internen Macht- und globalen Konkurrenzkämpfe vollzieht sich Grundsätzliches. Gleich mehrere Faktoren sorgen dafür, dass sich Krisen schneller als je zuvor von Störfeuern zu existenzbedrohenden Flächenbränden ausweiten können. Die Basis dafür wurde in der Finanzkrise gelegt. „Nie zuvor“, sagt Rolf-Magnus Weddigen, Deutschland-Chef der Strategieberatung Bain, „hat ein globaler Abschwung solche schwerwiegenden Folgen gehabt.“

Um die Wirtschaftsflaute im Zuge der Finanzkrise zu bekämpfen, haben die Notenbanken weltweit die Leitzinsen drastisch gesenkt. Das Instrument half: Unternehmen bekamen wieder Geld. Zugleich sorgte der in der Folge entstehende Anlagedruck aber auch dafür, dass marode Konzerne künstlich am Leben erhalten wurden. Gerät nun die Konjunktur auch nur ein wenig ins Stocken, rächen sich die Sünden der Vergangenheit: Cash, boom, bang!

  • 20.08.2013, 10:33 Uhrjuhoh

    Selten so viel Nonsens gelesen. Wenn Unternehmen versagen, hat die Politik in den seltensten Fällen Schuld daran. Inerter Linie leitet der Vorstand ein Unternehmen. Überall auf der Welt sind Rahmendaten gegeben, die berücksichtigt werden müssen. Wofür bekommt den ein Vorstand sein Gehalt, dass oft astronomisch hoch ist? Er muss eben mit seiner Kompetenz und Führungsstärke das Unternehmen lenken. Der Aufsichtsrat ist seine Kontrollinstanz dem er berichten muss. Der Aufsichtsrat hat zum Wohle des Unternehmens zu entscheiden. Am Ende steht der Investor, welcher für sein Invetment eine Rendite erwartet.
    Dieses ganze Konstrukt ist aus dem Ruder gelaufen. Selbstgefällige, oft von McKinsey eingeschleuste, hochmütige, gierige und leider auch inkompetente Vorstände werden von durch Seilschaften eingesetzte und gierige Aufsichtsräte kontrolliert und alle versuchen den hoffnungslos überzogenen Renditeerwartungen der Investoren zu genügen.
    Bei der Gemengelage brauchen wir keine unfähigen Politiker mehr, das Konstrukt ist eh schon explosiv genug.
    Die Ünfähigkeit unserer Politiker beziehe ich aber darauf, dass sie weder die Situation richtig einschätzen noch das geringste dagegen tun.

  • 19.08.2013, 12:58 Uhrhermann.12

    Jetzt rächt sich, dass die Unternehmen sich entweder von der Politik fernhalten oder reine Interessenwahrung betrieben haben. Das ist in einem überschaubaren Zeitraum sehr vorteilhaft. Langfristig jedoch zerstört das die Investitionssicherheit.
    Fast jede Branche durfte das erleben, aktuell ist besonders die Versicherungswirtschaft betroffen, die bei den Reformen der Regierung Schröder nur zuschaute und sich mit Ertragssicherung zufrieden gab oder ledigklich nur auf entsprechende Regelungen pochte wie z.B. das Mitnahmeverbot der Altersrückstellungen in der PKV.
    Vor lauter Renditegeilheit haben die Unternehmen ihre gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe verraten und der Inkompetenz der Politik überlassen. Nun zahlen sie den Preis für die eigene arrogante Dummheit gemeinsam mit den Politikern. Stabile Macht und auch stabiler unternehmerischer Erfolg basiert auf langfristig geplante und sorgsam gepflegter Gesellschaftspolitik.
    Wir aber haben uns auf Politiker und dumme Betriebswirte verlassen, die von nichts eine Ahnung haben außer wie man möglichst viel herausquetscht aus einem gegebenen System.
    Betriebswirtschaft ist wie Jura eine wichtige Hilfswissenschaft, wenn sie anfängt (wie Jura) das geschehen zu bestimmen wackelt der Schwanz mit dem Hund.

    H.

  • 19.08.2013, 11:54 UhrHofmannM

    Die Wirtschaftskrise ist durch die Politik diktiert worden und die Konzerne haben sich von der Politik Gesetze und Verordnungen vorschreiben lassen, die einer freien Marktwirtschaft widerstreben. Die deutsche Politik macht den deutschen Unternehmen den Wettbewerbsvorteil durch immer mehr ökologische und unsinnige Klimschutz Gesetze zu nichte! Energie- und Wirtschaftspolitik wird einer ideologischen Umweltpolitik geopfert. Das EEG und die absurde Energieeinsparverordnungen (in einer Welt mit unbegrenzten und immer verfügbarer Kernenergie) ist für die Vernichtung der Energiekonzernze und Infrastruktur verantwortlich. Verschwinden die großen Versorger, dann verschwindet auch das Kapital (Steuer-Abgaben) die unsere Wohlstands-Einrichtungen (vom öffentlichen Bad bis zur öffentlichen Infrstruktur) bezahlen.
    Der ESM ist ein weiter politischer Sargnagel für unsere Konzerne und Unternehmen in Deutschland.

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