Unternehmer Peter Jungen
„Wir unterschätzen in Deutschland die Krise“

Der Kölner Unternehmer Peter Jungen (69) war Strabag-Chef und Firmenkäufer der Treuhandanstalt. Heute engagiert er sich beim New Yorker Think Tank "Center on Capitalism and Society" und warnt gemeinsam mit US-Nobelpreisträgern wie Edmund Phelps und Joseph Stiglitz vor dem Ausmaß der Krise, für das in Deutschland das Verständnis fehle. Jungen spricht im Interview mit Handelsblatt.com von stärkeren Rückgängen als in den 30er-Jahren.

Handelsblatt.com: Herr Jungen, welche Erwartungen haben Sie an den bevorstehenden G20-Gipfel in London?

Peter Jungen: Die Europäer fordern eine Abtretung nationaler Rechte an eine globale Behörde, sind aber zu Hause bisher nicht einmal in der Lage, eine europäische Bankenaufsicht zu schaffen. Das lässt für den G20-Gipfel kaum erwarten, dass wir in Sachen Finanzarchitektur zu konkreten Ergebnissen kommen werden. Alle müssen verstehen, dass wir jetzt erst den Brand löschen müssen, ehe wir ein neues Haus entwerfen. Erste Aufgabe muss sein, eine globale Rezession zu verhindern und die Funktionsfähigkeit des Bankensystems wiederherzustellen. Amerika ist da beim Krisenmanagement viel weiter als die Europäer.

Sie haben sich in der Organisation "Center on Capitalism and Society" gemeinsam mit hochdekorierten Ökonomen aus den USA zusammengefunden. Wollen Sie von Amerika aus den Kapitalismus retten?

Retten ist der falsche Begriff. Wir setzen uns dafür ein, die Vorteile des Kapitalismus weiter zu nutzen, dabei aber Fehlentwicklungen zu korrigieren und Auswüchse einzugrenzen. Es ist schon erstaunlich, dass zuletzt in Davos Wen Jiabao und Wladimir Putin dazu aufgerufen haben, die offenen Systeme aufrechtzuerhalten - nach dem Motto: ?Wir haben verstanden?. Und ausgerechnet im Land des Exportweltmeisters wird bisweilen der Eindruck erweckt, dass man die Marktwirtschaft am liebsten abschaffen würde.

Woher rühren die Ängste und Diskrepanzen?

Wir müssen in Deutschland zwei Dinge verstehen. Erstens: Wir haben als Exportweltmeister wie kaum eine andere Nation von der Globalisierung profitiert. Wenn wir schon diesen Siegeszug genossen haben, sollten wir jetzt auch sehen, wie wir gemeinsam mit dem abflauenden Boom der Weltwirtschaft umgehen. Zweitens muss endlich aus den Köpfen, dass wir es nicht mit einer Finanzmarkt-Krise allein zu tun haben, die gierige Banker oder Hedge-Fonds angezettelt haben. Die Ursachen und Probleme liegen viel tiefer.

Wie tief denn?

Die Welt hat seit dem Ende des Kommunismus eine historisch lange Wachstumsphase von 18 Jahren hinter sich. Maschinenbauer oder Industriegüterfirmen haben aber bereits in der ersten Jahreshälfte 2007 die Spitze des Auftragseingangs gesehen. Auch der Anstieg der deutschen Export-Auftragseingänge erreichte bereits 2007 seinen Höhepunkt. Es war also erkennbar, dass sich der Wachstumszyklus zum Ende neigt und der Abschwung einsetzt. In dieser weltwirtschaftlichen Situation kam die schwere Schuldenkrise obendrauf. Das ist, als würde sich der Patient nach einer Lungenentzündung eine weitere Infektion holen.

Fehlt Ihrer Meinung nach das Verständnis für die Tiefe der Rezession?

In Deutschland ist das ganz sicher so. Der Gedanke, mit ein paar Konjunkturprogrammen die Krise zu verhindern, ist eine Illusion. Man kann sie damit bestenfalls abmildern. Welthandel, Industrieproduktion und Auslandsinvestitionen gehen inzwischen stärker zurück als in den 30er-Jahren. Chinas Importe etwa sind zuletzt mit über 40 Prozent eingebrochen. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, stehen wir in Deutschland vor dramatischen Einbrüchen im Export, der mit über 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts eine der höchsten Raten aller großen Industrienationen aufweist. Gleichzeitig ist der Boom in Mittel- und Osteuropa vorübergehend vorbei. Dorthin geht fast ein Viertel unserer Exporte. Das ist eine Entwicklung, die wir nie zuvor gesehen haben.

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