Urheberschutz
Chinesen kopieren Design und Technologie

Abkupfern statt teuer selbst entwickeln - unter dem Schutz der Provinzregierungen fördert China eigene Automobilfirmen. Ähnlichkeiten mit ausländischen Modellen sind kein Zufall

PEKING. Der sieht aus wie ein Benz und fährt wie ein Toyota“, preist der junge Autoverkäufer das neue Produkt an. Der Mann in der Asian Games Village in Peking, Chinas größtem Automarkt, spricht vom Merrie 300 – einem chinesischen Auto des privaten Herstellers Geely aus der Küstenprovinz Zhejiang. Der Merrie hat Scheinwerfer, die an die Mercedes S-Klasse erinnern und einen Motor, der aussieht, als stamme er von Toyota. Ausländisches Design und Technologie zu lokalen Preisen; das ist das Rezept, mit dem chinesische Hersteller den Multis aus Europa, Japan und den USA nach zwei Jahrzehnten friedlicher Kooperation nun mächtig einheizen wollen.

„Unsere Strategie ist es, die Erfahrungen ausländischer Hersteller an Chinas lokale Bedingungen anzupassen“, sagt ganz unverblümt der General Manager bei SAIC Chery Automobile Co. Übersetzt könnte das heißen: billig abkupfern statt teuer selbst entwickeln. Chery machte vor zwei Jahren mit einem Modell auf sich aufmerksam, dessen Technologie zu einem überwiegenden Teil der des VW Jetta sehr ähnlich war. VW hat das Thema inzwischen abgehakt, heißt es offiziell. Inoffiziell hört man in Peking, dass 3 Mill. Euro Entschädigung an VW gezahlt worden seien.

Neben den etablierteren chinesischen Autobauern haben jetzt auch kleinere Hersteller – ohne eigene Entwicklung aber unter dem politischen Schutz lokaler Regierungen – die Glassé-Handschuhe ausgezogen. Der Ton wird auf beiden Seiten rauer, denn auch die internationalen Konzerne wollen sich nicht mehr alles bieten lassen. Toyota, die weltweite Nummer drei im Automobilgeschäft, hat nach eigenen Angaben im vergangenen Dezember Geely vor einem Pekinger Gericht wegen Verstößen gegen den Markenschutz verklagt. Es ist das erste Verfahren seiner Art in Chinas Autoindustrie. Und erst vor wenigen Tagen gab General Motors bekannt, es untersuche allzu auffällige Ähnlichkeiten zwischen Cherys jüngstem Modell und einem Chevrolet.

„Beim Thema Autodesign und Urheberschutz fehlt in China ein Konzept“, gesteht Jia Xinguang, ein Analyst beim China National Automotive Industry Institute. Ausländische Autobosse warnen bereits, die Investitionen könnten leiden, wenn es die lokalen Nachahmer übertreiben. „Das weitere Investment ausländischer Firmen wie GM hängt vom Respekt und dem vollen Schutz des geistigen Eigentums ab“, bekräftigt Tim Stratford, der zweite Mann bei GM in China. Doch aus den bestehenden Engagements können die ausländischen Großkonzerne nach Mammutinvestitionen „nicht mehr raus“, sagt Volker Gaertke, für den Zulieferer Delphi in Schanghai. Das wissen auch die Chinesen und „steigen nun in die zweite Phase der Autoentwicklung ein. Sie beginnen, die eigene Industrie zu forcieren.“

Geely will in diesem Jahr 100 000 Autos verkaufen, doppelt so viele wie 2002. Bis 2005 soll die Produktion noch einmal verdreifacht werden. Während Chinas Automarkt im vergangenen Jahr um 42 % wuchs, legte Geely satte 101 % zu. Chery, an dem die Provinz Anhui die Mehrheit hält, will ebenfalls 2003 die Produktion verdoppeln, während Marktführer VW eine Steigerung von 40 % plant. FAW in Changchun, VWs lokaler Partner im Nordosten Chinas, will seine Produktion bis 2005 auf das Fünffache steigern.

Behörden und Regierung stehen fest hinter den lokalen Produzenten. Und sie zieren sich nicht, ausländische Hersteller zu brüskieren. Als VW Mitte Juli Investitionen zur Verdoppelung der Kapazität in China bekannt gab, brachten offizielle Zeitungen ein Regierungspapier ins Spiel, demzufolge die lokale Industrie bis 2010 die Hälfte des Marktes beherrschen soll. Derzeit liegt ihr Anteil unter 20 %. Mehr noch: Der VW-Partner FAW startete just an jenem Tag, an dem er den VW Golf 4 auf dem chinesischen Markt präsentierte, ein Joint Venture mit dem VW-Konkurrenten Toyota.

Bei VW spielt man die Entwicklung herunter. Konzernchef Bernd Pischetsrieder bezeichnete es vor vier Wochen in Changchun als „völlig normal“, dass China bis zum Ende des Jahrzehnts mindestens einen großen nationalen Hersteller habe. Doch hinter der offiziellen Fassade kommen ausländische Konzerne in China langsam ins Grübeln. Denn wurden bisher in China Scheibenwischer und Bremsen kopiert, sind es jetzt ganze Autos – das Know How der Partner wird abgeschöpft. „Das Problem wird größer und es gibt keine Lösung“, bestätigt der chinesische Autoexperte Jia Xinguang.

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