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03.12.2008 
Autokrise

US-Autobauer: 34 Milliarden für ein Halleluja

Böses Erwachen für den US-Kongress: Da kommen die US-Autobauer für einen weiteren Bittgang nach Washington – nur um noch mehr Geld als vorher zu erflehen. General Motors, Ford und Chrysler haben Hilfen in Höhe von 34 Milliarden US-Dollar beantragt. Wobei Experten das Ende für Chrysler schon kommen sehen. Und: Auch für ausländische Autohersteller spitzt sich die Lage in den USA zu.

Die Parlamentspräsidentin Nancy Pelosi in einer Pressekonferenz zur Lage der drei angeschlagenen US-Autobauer. Foto: dpaLupe

Die Parlamentspräsidentin Nancy Pelosi in einer Pressekonferenz zur Lage der drei angeschlagenen US-Autobauer. Foto: dpa

HB WASHINGTON/DÜSSELDORF. Jetzt liegen die Karten auf dem Tisch. Und das Blatt sieht nicht gut aus – weder für die drei um die Existenz ringenden US-Autobauer noch für den US-Kongress. Denn: Alle drei Big Ones aus Detroit benötigen nach eigenen Angaben staatliche Darlehen in Höhe von insgesamt rund 34 Milliarden Dollar. Um diese Summe loszueisen, präsentierten General Motors, Ford und Chrysler dem US-Kongress aber auch Sanierungspläne. Die Konzernchefs sind zum Beispiel bereit, für ein symbolisches Gehalt von einem Dollar pro Jahr zu arbeiten. Noch Ende November war das für den ein oder anderen Top-Manager vor dem Kongress undenkbar gewesen. Jetzt nicht mehr. Jetzt ist offenbar alles denkbar. Denn: Die Ankündigungen des größten US-Autoherstellers haben die Befürchtungen der Experten wohl noch übertroffen.

Am schlimmsten sieht es beim Marktführer General Motors aus: Insgesamt 18 Mrd. Dollar fordert der Konzern als Darlehen von der Regierung. Noch in diesem Monat sei umgehend ein erstes Darlehen in Höhe von vier Milliarden Dollar erforderlich, weitere acht Milliarden würden bis Ende März benötigt, teilte der Konzern mit. Sollte sich die Marktlage weiter verschlechtern, sei zusätzlich eine Kreditlinie von sechs Milliarden Dollar notwendig. Fritz Henderson, der bei General Motors (GM) für das operative Geschäft zuständig ist, kündigte zudem an, der Konzern werde elf Werke schließen und die Zahl der Händler um 2 000 reduzieren. Von den derzeit rund 100 000 Mitarbeitern sollen 2012 nur noch 65 000 bis 70 000 übrig sein; von den Marken sollen Pontiac eingestellt und die schwedische Tochter Saab verkauft werden; für Saturn werden Optionen gesucht.

Wie schlimm es tatsächlich um den größten Autobauer der Welt bestellt ist, machte Henderson vor dem US-Kongress deutlich. Man habe keinen Plan B, sagte er. Wenn der Konzern die vier Mrd. Dollar Soforthilfe nicht bekommt, könnte er bis Weihnachten Pleite sein, warnte ein GM-Manager. „Die ersten vier Milliarden sind entscheidend“, sagte auch Henderson.

Ford bat den Kongress um eine Absicherung in Höhe von neun Milliarden Dollar, erklärte aber zugleich, möglicherweise werde das Geld gar nicht gebraucht. Ford will 2011 wieder Gewinn machen oder zumindest den Break-even erreichen.

Die Cerberus-Tochter Chrysler teilte mit, ohne staatliche Hilfe drohe dem Unternehmen im ersten Quartal des kommenden Jahres die Insolvenz. Chrysler braucht nach eigenen Angaben bis Ende des Jahres einen Überbrückungskredit von sieben Mrd. Dollar, sonst reiche das Geld nicht zur Deckung der Kosten. Im ersten Quartal 2009 schätzt der Konzern die Ausgaben auf 11,6 Mrd. Dollar – allein acht Mrd. Dollar muss Chrysler an Zulieferer zahlen. Man suche weiter nach Partnerschaften und Kooperationen und erwarte von einer Allianz oder Fusion mit einem Konkurrenten Synergien von 3,5 bis neun Mrd. Dollar.

Alle drei Autohersteller haben damit einen zweiten Anlauf gestartet, Milliardenhilfen von der Regierung zu bekommen. Vor zwei Wochen hatten die Abgeordneten die Konzernchefs wieder nach Hause geschickt, weil sie keine konkreten Sanierungskonzepte zu bieten hatten. Nun setzen sie auf Kürzungen bei den Managergehältern, sparsame und umweltfreundliche Autos und ihre Kernmarken.

Branchenexperten sind allerdings skeptisch, ob die Konzerne selbst mit Staatshilfe überleben können. Den Konzernen werde dadurch lediglich etwas Zeit gegeben. „Das ist wie bei einem todkranken Junkie, der gerade noch am Leben gehalten wird. Die Chance, dass das aufgeht, ist gering“, sagte Jürgen Pieper, Autoanalyst des Bankhauses Metzler. Er rechnet damit, dass Chrysler binnen fünf Jahren entweder in Konkurs geht oder übernommen wird.

Der Konzern gilt als schwächster unter den drei US-Herstellern. Anders als GM mit Opel in Rüsselsheim und Ford mit den Kölner Ford-Werken verfügt der ehemals zu Daimler gehörende Autobauer über keine europäische Tochter, die ihm den Zugang zu spritsparenden Technologien ermöglicht.

Alle US-Autobauer haben nach einhelliger Expertenmeinung in den USA viel zu lange an ihren schweren Pick-ups und wuchtigen Geländewagen festgehalten, anstatt sparsame Kleinwagen zu entwickeln. Der Absatz wurde mit Rabatten künstlich hoch gehalten. Das rächt sich nun: Seit dem Anstieg der Benzinpreise stapeln sich die schweren Wagen auf den Händlerhöfen. Mit der Rezession kommt hinzu, dass kaum noch ein Amerikaner Geld für ein neues Auto hat.

Wie dramatisch das Bild ist, zeigten gestern auch die Verkaufszahlen für den Monat November. GM erklärte, der Absatz sei in den vergangenen zwei Monaten – bereinigt um die Bevölkerungszahl – so stark eingebrochen wie seit einem halben Jahrhundert nicht mehr.

Auch die deutschen Autobauer haben in den USA deutliche Absatzeinbußen hinnehmen müssen. Dabei litt der Sportwagenbauer Porsche besonders unter der Zurückhaltung der US-Verbraucher. Die Auslieferungen in Nordamerika sanken nach Angaben des Unternehmens um 46 Prozent auf 1 493 Fahrzeugen, davon entfielen 1 378 Fahrzeuge auf den US-Markt. Von der Baureihe Cayenne wurden mit 781 Fahrzeugen 40 Prozent weniger ausgeliefert als ein Jahr zuvor. Beim Boxster betrug der Rückgang sogar 73 Prozent auf 161 Stück, und bei der 911-Baureihe sank der Absatz um 37 Prozent auf 551 Fahrzeuge.

Der Stuttgarter Autobauer Daimler verbuchte einen Absatzrückgang um 29,9 Prozent auf 15 991 Autos. Dabei stützte die Einführung der Kleinwagenmarke smart die Verkaufszahlen etwas. Der Smart wird erst seit Januar in den USA verkauft und kam im November auf einen Absatz von 1 889 Fahrzeugen. Seit Jahresbeginn wurden damit 22 281 smarts in den USA abgesetzt. Die Marke Mercedes-Benz verbuchte ein Absatzminus von 38,2 Prozent auf 14 102 Stück.

Beim bayerischen Konkurrent BMW waren die Verkaufszahlen seines Kleinwagens Mini ebenfalls der einzige Lichtblick. Insgesamt sank die Zahl der verkauften Fahrzeuge um 26,8 Prozent auf 19 762. Seit Jahresbeginn ging der Absatz damit um 6,8 Prozent auf 281 564 Einheiten zurück. Von der Marke BMW wurden mit 15 217 Fahrzeugen im November 36,1 Prozent weniger verkauft. Die Marke MINI verzeichnete mit einem Plus von 43,1 Prozent auf 4 545 Einheiten einen deutlichen Absatzanstieg.

Am besten unter den deutschen Anbietern schlug sich die VW-Tochter Volkswagen of America mit einem Absatzrückgang um 19,2 Prozent auf 14 295 Einheiten. Seit Jahresbeginn liegt das Absatzminus bei 2,1 Prozent.

Die heimischen Autobauer leiden weiter unter der wirtschaftlichen Flaute in den USA: Besonders deutlich bekam das der Opel-Mutterkonzern General Motors (GM) mit einem Absatzeinbruch um 41 Prozent auf 154 877 Stück zu spüren. Die Zahl der verkauften Pkw sank danach um 44 Prozent auf 58 786 Fahrzeuge, außerdem wurden mit 96 091 Stück 39 Prozent weniger Lastwagen als im Vorjahreszeitraum verkauft. Der größte US-Autobauer reagierte bereits auf die schwache Nachfrage und schraubte seine Produktion in Nordamerika um 32 Prozent zurück.

Der US-Autobauer Ford verbuchte einen Absatzrückgang um 30,6 Prozent auf 123 222 Fahrzeuge. Während der Absatz der Marke Volvo um 46,5 zurückging und sich damit fast halbierte, lag das Minus bei den Marken Ford, Lincoln und Mercury insgesamt bei 29,8 Prozent. Ford denkt derzeit über einen Verkauf der schwedischen Tochter Volvo nach. Für das erste Quartal 2009 plant der Autobauer eine Produktion von 430 000 Fahrzeugen, im ersten Quartal 2008 waren es noch 692 000 gewesen.

Auch der japanische Autobauer Toyota konnte sich den Problemen in der Branche nicht entziehen. Im abgelaufenen Monat verkaufte das Unternehmen in den USA mit 130 307 Fahrzeugen 33,9 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Marke Toyota verzeichnete ein Minus von 33,8 Prozent auf 114 084 Stück. Der Absatz der Marke Lexus ging um 34,7 Prozent auf 16 223 Stück zurück.

Angesichts der dramatischer Absatzeinbrüche wollen die krisengeschüttelten US-Autobauer mit einschneidenden Sanierungsprogrammen den Weg zu neuen Milliardenhilfen freimachen. Ford legte am Dienstag dem US-Kongress ein Konzept vor, nachdem das Unternehmen durch ein Staatsdarlehen über neun Mrd. $ bis 2011 wieder profitabel werden soll. Neben Ford hatten auch General Motors und Chrysler bis zum Dienstag Zeit, dem Kongress ihre Umstrukturierungsvorschläge zu unterbreiten. Die drei Autobauer fordern einen Kredit über insgesamt 25 Mrd. Dollar. Führende Politiker hatten jedoch detaillierte Pläne, wie die Firmen das Geld konkret einsetzen wollen, zur Vorbedingung gemacht.

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