US-Autoindustrie
Chrysler-Pleite ist der Testfall für GM

Nach dem Konkursspruch von Chrysler wächst der Druck auf den US-Autokonzern General Motors (GM), der ebenfalls akut von der Insolvenz gefährdet ist. Dass Präsident Barack Obama nach monatelanger Hängepartie nun auf ein Gläubigerschutzverfahren bei Chrysler zurückgreift, werten Branchenexperten als Fingerzeig für den deutlich größeren Fall GM.

NEW YORK. Knapp vier Wochen hat der langjährige Weltmarktführer noch Zeit, um seine zahlreichen Gläubiger von einem weitgehenden Schuldenverzicht zu überzeugen. In dieser Zeit kann Obamas Auto-Task-Force analysieren, wie insbesondere Kreditgeber und Kunden auf das Gläubigerschutzverfahren einer Auto-Ikone reagieren.Der Konkurs von Chrysler sei von der Regierung bewusst als Testlauf gewählt worden, auch weil dessen Sanierung im Vergleich zu GM deutlich einfacher zu managen sei, glaubt Sean Egan, Präsident der Ratingagentur Egan-Jones: „Der Einfluss auf die Wirtschaft und die Beschäftigungszahlen ist ein Mikrokosmos dessen, was vermutlich bei GM passieren wird.“

Der Schuldenberg der Opel-Konzernmutter bei Banken und anderen privaten Gläubigern ist mit rund 27 Mrd. Dollar fast viermal so hoch wie die Chrysler-Außenstände. Die Verbindlichkeiten verteilen sich bei GM zudem auf einige Tausend Kreditgeber und nicht nur auf rund 50 wie im Fall Chrysler. Unter ihnen befinden sich auch zahlreiche Pensionskassen, die Präsident Obama nicht so einfach als Spekulanten abkanzeln kann wie jene Investmentfonds, die sich einer außergerichtlichen Lösung bei Chrysler verweigert haben. Darüber hinaus gibt es viele andere Großbaustellen: GM soll sich auf Druck der US-Regierung schnellstmöglich von unrentablen Marken wie Saturn und Hummer trennen, die eigene Belegschaft sowie das riesige Händler-Netzwerk muss ausgedünnt werden.

Branchenexperten halten es für sehr unwahrscheinlich, dass GM bis Ende des Monats eine Einigung mit so den Gläubigern hinbekommen kann: Die Chrysler-Insolvenz könne sogar dazu führen, dass jetzt auch die Kreditgeber von GM ihr Glück vor einem Konkursgericht versuchen, glaubt John Casesa von der Auto-Beratungsfirma Casesa Shapiro Group. Die Erwartungen an die Konditionen einer Umschuldung klaffen nach wie vor riesig auseinander. Ein Gläubigerkomitee von GM hat in der Vorwoche einen Kompromiss vorgeschlagen und im Gegenzug für den Schuldenverzicht einen Mehrheitsanteil von 58 Prozent an der neuen Gesellschaft gefordert. GM indes will die US-Regierung künftig zu ihrem Mehrheitseigner machen und den privaten Kreditgebern lediglich zehn Prozent des Kapitals anbieten. Die Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) soll für ihren Gesundheitsfonds zehn Mrd. Dollar in bar erhalten – die Hälfte der bisherigen Ansprüche – sowie darüber hinaus einen 39-Prozent-Anteil an GM.

Pete Hastings von der Investmentfirma Morgan Keegan & Co. empfiehlt den privaten Kreditgebern den Gang vors Konkursgericht. Das Zehn-Prozent-Angebot sei geradezu „lächerlich“, sagte er der Nachrichtenagentur Bloomberg. Auch ein Blick auf Chrysler zeigt jedoch die neuen politischen Realitäten, die auf eine entgeisterte Wall-Street-Gemeinde treffen. Die demokratisch geführte US-Regierung plädiert für einen Mehrheitsanteil der UAW in dem künftig von Fiat gemanagten Unternehmen, während die privaten Gläubiger von ihren Ansprüchen nur 2,25 Mrd. der einst sieben Mrd. Dollar zurückerhalten sollen.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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