US-Autoindustrie
Die Big Three werden immer kleiner

Die US-Autoindustrie schrumpft unter starken Schmerzen weiter und spart ihren dramatischen Umsatzeinbrüchen hinterher. Unter dem Druck der amerikanischen Regierung, die den Marktführer General Motors (GM) sowie den Rivalen Chrysler seit Wochen künstlich am Leben hält, ist in Detroit die nächste Runde des Personalabbaus eingeläutet.

NEW YORK. Sowohl GM als auch Chrysler haben zu Wochenbeginn Post an insgesamt mehr als 90 000 Mitarbeiter verschickt und dabei all jenen Beschäftigten ein Abfindungsangebot unterbreitet, die in der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) organisiert sind. Ziel der Aktion ist der Ausstieg älterer und besser verdienender Mitarbeiter. Auf diese Weise sollen die hohen Milliardenverluste im operativen Geschäft begrenzt und eine neue Gehaltsstruktur auf dem Niveau ausländischer Wettbewerber eingezogen werden. Konzerne wie Toyota, BMW oder Mercedes lassen ihre Fahrzeuge für den US-Markt überwiegend in den Südstaaten produzieren, wo die Autogewerkschaft UAW keine Rolle spielt.

Künftig wollen auch GM und Chrysler Schichtarbeiter nur noch zum halben Gehalt einstellen (14 statt 28 Dollar pro Stunde) und zudem deutlich geringere Sozialleistungen zahlen als bisher. Aktuell sind Neubesetzungen freilich kein Thema: Seit die US-Autoindustrie die Umstellung auf eine niedrigere Gehaltsstruktur eingeführt hat, gab es rund um Detroit zehntausende Abgänge - aber nahezu keine Zugänge. Dennis Virag, Chef der Automotive Consulting Group in Ann Arbor, Michigan, wertet die jüngsten Maßnahmen als "Akt der Verzweiflung". Nur Unternehmen mit existenziellen Problemen würden Abfindungen an alle Stundenlöhner anbieten, sagte er der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Dabei bleibt den wankenden Industrie-Ikonen keine andere Wahl mehr, als ihre Organisationen so rasch wie möglich zu verschlanken. GM und Chrysler haben kurz vor Weihnachten öffentlich höchst umstrittene Staatskredite in Höhe von 17,4 Mrd. Dollar erhalten, um ihre Organisationen vor dem drohenden Finanzkollaps zu bewahren. Weil sie derzeit im Monatstakt Milliardenbeträge verbrennen, reicht das bereitgestellte Kapital aber kaum über das erste Quartal 2009 hinaus. Die nächsten Monate können GM und Chrysler nur überleben, wenn die neue Obama-Administration den Weg frei macht für weitere Milliarden aus dem Steuersäckel. Zum Erhalt einer zweiten Tranche müssen die Autokonzerne dem US-Finanzministrium bis zum 17. Februar glaubhaft nachweisen, dass sie in nicht allzu ferner Zukunft wieder profitabel arbeiten können.

Er sei derzeit dabei, "ein Expertenteam" aus den Bereichen Produktion und Restrukturierung zusammenzustellen, sagte US-Finanzminister Timothy Geithner bei seinem Amtsantritt. Seitdem wird spekuliert, dass die neue Regierung ein ganzes Expertengremium zur Überwachung der Autokonzerne bereitstellen könnte und nicht nur einen Chefaufseher. Führenden US-Wirtschaftsmedien zufolge gilt Steven Rattner, Mitgründer der Private-Equity-Firma Quadrangle Group, für die Position des sogenannten "Auto-Zaren" als gesetzt. Bis diese Entscheidung offiziell ist, liegt die Kontrolle der Autokredite in den Händen des Finanzministeriums. Deshalb benötigt Chrysler zum Beispiel zwingend eine Unterschrift aus Washington, um die kürzlich beschlossene Partnerschaft mit dem italienischen Fiat-Konzern rechtskräftig zu machen.

Branchenexperten sind sicher, dass der Druck auf die US-Autoindustrie mit der bevorstehenden Ernennung des Kontrollgremiums noch steigt. "Faktisch werden GM und Chrysler schon jetzt von der Regierung gelenkt", sagte ein US-Automanager, der anonym bleiben wollte. Entsprechend eilig hat es das Topmanagement: Personalabbau, Einschnitte im Händlernetz sowie die Senkung der Stundenlöhne auf das Niveau ausländischer Hersteller sind nur einige der Pflichtaufgaben. Marktführer GM muss außerdem zusehen, dass er seinen riesigen Schuldenberg von rund 60 Mrd. Dollar schnellstmöglich abbaut. Seit Wochen verhandelt der GM-Vorstand mit Gläubigern, bietet Firmenanteile als Gegenleistung für den Erlass von Schulden und versucht die Milliardenlasten für einen Pensionsfonds der Gewerkschaft UAW zu drücken. Allein bei diesen Verhandlungen geht es um Zahlungsverpflichtungen in Höhe von gut 20 Mrd. Dollar.

Experten warnen jedoch, dass die zur Gesundung notwendigen Einsparungen auf herkömmlichem Wege nicht zu erzielen sind. Die Autoindustrie benötige "einen vorbereiten Konkurs", sagt Bryan Marsal. Der Co-Chef der Restrukturierungsfirma Alvarez & Marsal Inc. spricht aus Erfahrung. Derzeit wickelt seine Mannschaft die Mega-Pleite der Investmentbank Lehman Brothers ab.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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