US-Autoindustrie
„Es geht nicht nur um Chrysler“

Die US-Autoindustrie ist in heller Aufregung, mal wieder. Auf den ersten Blick wird im Falle Daimler-Chrysler nur eine Ehe geschieden, die ohnehin nie funktionierte. Auf den zweiten Blick wird aber klar: Der Verkauf der amerikanischen Auto-Ikone Chrysler an den Finanzinvestor Cerberus wird die ganze Branche verändern.

NEW YORK. „Es geht nicht nur um Chrysler“, sagt Sean McAlinden, Chefökonom des Center for Automotive Research in Ann Arbor, Michigan. Jedes Geschäft, das die mächtige Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) mit Chrysler aushandelt, habe direkten Einfluss auf die beiden US-Rivalen General Motors und Ford.

Entsprechend hektisch fielen am Montag die Reaktionen in Detroit aus, dem Mekka des schwer gebeutelten Industriezweigs. Die Nachricht der Trennung von Daimler und Chrysler ist noch keine fünf Stunden alt, da machen bereits Spekulationen über einen möglichen Ausstieg der Gründerfamilie bei Ford die Runde. Bill Ford, Urenkel des Firmengründers Henry Ford, hat im Vorjahr bereits das Handtuch als Vorstandschef geworfen und sein Amt an den langjährigen Boeing-Manager Alan Mulally abgetreten. Der zweitgrößte US-Autokonzern verliert seit zwölf Jahren ununterbrochen Marktanteile. „Erst Chrysler und dann Ford?“ rätselt das „Wall Street Journal“ auf seiner Internetseite.

Selbst wenn die Hektik des Augenblicks in diesem Fall zu vorschnellen Interpretationen führt: Der Chrysler-Verkauf bringt die Industrie an einen Wendepunkt. Das Geschäft werde „den Boden unter den Füßen vieler Menschen erschüttern“, sagte Kevin Boyle, Professor an der Ohio State University, der „New York Times“. Mit Chrysler verschwindet nicht nur der erste Hersteller der so genannten „Big Three“ vom Kurszettel der Börse. Aus dem höchst öffentlichen Unternehmen, das seine Investoren zuletzt im Dreimonatstakt erschreckte, wird damit eine private Firma, die ihre Sanierung im Verborgenen durchziehen wird. Am Steuer dieser Firma sitzt mit Cerberus ein Finanzinvestor, der die Öffentlichkeit scheut und bekannt dafür ist, tiefe Einschnitte insbesondere bei den Personalkosten vorzunehmen.

1,5 Mrd. Dollar hat Chrysler im Vorjahr verbrannt. Der Mutterkonzern Daimler stieß dennoch auf Granit bei seinen Bemühungen, die Kostenstrukturen seiner US-Tochter der miserablen Lage anzupassen. Während die maro-den Rivalen GM und Ford von der UAW Zugeständnisse in Milliardenhöhe erhielten, bettelte Daimler vergebens. UAW-Präsident Ron Gettelfinger verwies auf die Milliardengewinne des Konzerns und vertrat die Ansicht, die Chrysler-Sanierung sei nicht mit der von GM und Ford vergleichbar. „Müssen wir erst zehn Milliarden Dollar verlieren, ehe wir die gleichen Zugeständnisse erhalten wie GM und Ford?“ hatte sich Konzernchef Dieter Zetsche empört – und Chrysler bald darauf zum Verkauf gestellt.

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