US-Autoindustrie
General Motors: Die Mammut-Pleite

Trotz einer überraschenden Einigung mit einem Teil der zahlreichen Gläubiger steuert der US-Autokonzern General Motors (GM) auf eine der größten Pleiten in der Wirtschaftsgeschichte zu. Fehlentscheidungen im Management und eine verfehlte Produktpalette haben dazu geführt, dass GM in den zurückliegenden Jahren immer größere Verluste geschrieben hat.

FRANKFURT/DETROIT. Ein Konkurs gilt unter Fachleuten schon deshalb als unausweichlich, damit sich der Autoriese aus seinen zahlreichen finanziellen Verstrickungen lösen und auch das überdimensionierte Händlernetz zurückschneiden kann. Anschließend würde aus General Motors quasi "Government Motors", weil der Autohersteller vorübergehend von der US-Regierung kontrolliert würde.

An dieser Ausgangslage ändert auch nichts, dass am Donnerstag nach Angaben des Konzerns aus Detroit eine Gruppe von Anleihebesitzern einem verbesserten Angebot zur Umschuldung der Bonds über 27 Mrd. Dollar zugestimmt hat. Sie erhalten nicht mehr nur zehn Prozent am neu strukturierten Unternehmen, sondern darüber hinaus Bezugsrechte für weitere 15 Prozent. Die Gruppe hält aber lediglich ein Fünftel der GM-Anleihen. "Die Einigung mit nur einem Teil der Gläubiger ändert indes wohl nichts daran, dass GM in Konkurs gehen wird", meint Tim Brunne, Kreditstratege bei der italienischen Bank Unicredit.

Die meisten Anteile aber dürften in Staatshand gelangen: GM teilte am Donnerstag mit, dass das Finanzministerium künftig 72,5 Prozent am restrukturierten Konzern halten soll. Die Mehrheitsbeteiligung soll die immer neuen Staatsmilliarden absichern, die seit Monaten in GM gepumpt werden.

Beobachter schließen nicht mehr aus, dass bis zur endgültigen Sanierung des seit Jahren hochdefizitären Autokonzerns 100 Mrd. Dollar oder mehr aus der Kasse des US-Steuerzahlers fließen könnten. Laut "New York Times" will die Obama-Regierung allein in die Finanzierung des GM-Insolvenzverfahrens weitere 50 Mrd. Dollar stecken. Eine Stiftung der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW), die die Krankenversicherung der GM-Pensionäre managt, soll laut dem jüngsten Sanierungsplan eine Beteiligung von 17,5 Prozent halten. Im Gegenzug verzichtet die UAW auf milliardenschwere Forderungen an den GM-Konzern und hat weiteren Einschnitten bei den Löhnen und Sozialleistungen zugestimmt.

Allzu große Hoffnungen auf einen "schnellen" und "chirurgischen" Konkurs, den die Regierung Obama anstrebt, sind indes nicht angebracht. Insolvenzexperten erwarten vielmehr das komplizierteste Verfahren seiner Art, das die USA je erlebt haben. Das liegt zum einen an der schieren Größe des Konzerns und seiner Ausstrahlung in zahlreiche große Industrieländer - wie das Beispiel Opel in Deutschland zeigt. Der über Jahrzehnte hinweg weltweit führende Autokonzern erzielte zuletzt 180 Mrd. Dollar Umsatz und ist heute in 51 Ländern mit mehr als 1 000 Tochterfirmen und Niederlassungen vertreten. "Ein typisches Konkursverfahren in den USA dauert 18 Monate", sagt Kreditanalystin Shelly Lombard von Gimme Credit. "Es gibt keinen Grund anzunehmen, weshalb es ausgerechnet bei GM schneller gehen soll."

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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