US-Automarkt
Auto-Friedhof für Jungverstorbene

Der US-Automarkt liegt am Boden. Auch die Limousinen der deutschen Edelmarken stauen sich in den Häfen der USA. Bei den Händlern spielen sich Tag für Tag dramatische Szenen ab. Ein Blick hinter die Kulissen auf den riesigen "Autofriedhöfen" der USA.

LOS ANGELES. Brutaler als die grellen Strahlen der Mittagssonne von Los Angeles peitschen die Worte des Cops durch den mit Stacheldraht aufgerüsteten Drahtzaun: "Wenn Sie nicht sofort verschwinden, werden meine Kollegen Sie verhaften und ins Gefängnis werfen."

Der bullige schwarze Cop schützt an der Pier B Street 1600 etwas, das kein Mensch mehr haben will: Tausende Mercedes-, Porsche -, BMW-Limousinen und ebenso viele Modelle von Toyota und Honda. Trotz seiner heldenhaften Nutzlosigkeit baut der Cop sich auf, als stehe er vor Fort Knox und bewache unbezahlbare Schätze für das Vaterland. Ein paar Millionen stehen hier tatsächlich auf vier Rädern rum. Doch die Währung in Blech ist gerade nicht gefragt.

Kaum hat der Wächter des Unverkäuflichen im Frachthafen von Long Beach seine Drohungen über den Stacheldraht gespieen, schon quietschen die Reifen zweier schwerfälliger Fords auf dem heißen Asphalt. "Was machen Sie hier? Ausweis!" dröhnt es aus einem der Wagen. Ein Polizist in Zivil und ein weiblicher Cop, die geschwellte Brust mit Sheriffstern drapiert, stoppen vor dem Stacheldrahtzaun an der Pier Street, einen Steinwurf vor den Tausenden von Mercedes-Sternen, die man längst mit Todesengeln hätte ersetzen sollen.

Die europäischen und asiatischen Schlitten in Long Beach, dem umschlagstärksten Containerhafen an der US-Westküste, bilden einen bizarren Friedhof für jung verstorbene Autos. Verschweißt stehen sie da wie in ranzige Frischhaltefolien kondomierte Gefährte. Präserviert für jene Zeit danach, wenn die Finanz- und Wirtschaftskrise überstanden ist und die Bürger nach Depression und Rezession wieder Kredite für Luxusgeschosse bekommen.

"Wenn mich nicht exakt in diesem Moment Rick Wagoner, der Präsident von General Motors, anruft, verschwinden Sie oder Sie werden in den Knast geworfen", fährt die Dame mit Sheriffstern aus der Haut, nachdem sie über Funk die Personalien des Festgehaltenen durchgegeben hat. "Das sind schwere Zeiten für alle", schiebt sie fast entschuldigend hinterher.

Natürlich hat Rick Wagoner vergessen anzurufen. Denn auch er erlebt gerade schwere Zeiten. Wie seine Kollegen von Ford und Chrysler ist er in seinem Firmenjet nach Washington geflogen, um in der Hauptstadt die Hand für 25 Milliarden Dollar aufzuhalten. So viel Staatsknete, das behaupten jetzt alle, brauche man, um die einstige US-Kernindustrie in Detroit wieder flottzumachen. Deshalb war er leider zu beschäftigt, um mich in diesem Moment aus den Händen der Cops zu befreien - und den paranoiden Polizistenverdacht auf Terrorismus und Werksspionage aus der Welt zu schaffen.

Womöglich aber ist es um Rick viel schlechter bestellt als um einen Journalisten, der nur durch das grobe Drahtnetz des Zauns schaut und nicht wie Rick in den Abgrund. 35 Jahre lang hat "Motor-City" Detroit - die Stadt der Automobilhersteller General Motors (GM), Ford und Chrysler - mit der Rückendeckung aller offenbar indolenten US-Regierungen und der mächtigen UAW-Gewerkschaft die Zeichen der Zeit ignoriert und prähistorische Spritschlucker und Abgasschleudern gebaut. Die finden in der jetzigen Krise keinerlei Absatz und gelten im Vergleich zur ausländischen Konkurrenz als hoffnungslos veraltet. Detroit ist, wieder mal, im rostigen Eimer.

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