US-Flugzeughersteller
Zulieferer überfordern Boeing

Die wichtigste Innovation der Luftfahrtindustrie wird zum finanziellen Alptraum für den Hersteller Boeing. Nach jahrelangen Verzögerungen beim neuen Verkehrsflugzeug 787-Dreamliner muss Konzernchef Jim McNerney seinen Aktionären eine desaströse Bilanz präsentieren. Die Probleme mit den Zulieferern für das Großflugzeug dürften den Flugzeughersteller auf Jahre belasten.

MÜNCHEN. Die Probleme rissen Boeing im dritten Quartal tief in die roten Zahlen - obwohl die Auslieferung der anderen Maschinen boomt. Auch den Jahresausblick strich der Konzern drastisch zusammen.

Die erneuten Verzögerungen in Entwicklung und Produktion des Dreamliners belasten Boeing im abgelaufenen Quartal mit 2,5 Mrd. Dollar. Eine weitere Milliarde kosten die Probleme bei der Frachtversion des neuen Jumbo-Jets, der 747-8.

Der Erstflug des Dreamliners soll noch in diesem Jahr erfolgen, die Erstauslieferung der Maschine ist für das vierte Quartal 2010 vorgesehen. "Wir freuen uns darauf, die 787 und die 747-8 bald in die Luft zu bekommen und mit den Flugtests und Zertifizierungen voranzukommen", sagte Boeing-Chef McNerney am Mittwoch in einer Telefonkonferenz. Konkrete Termine für die Jungfernflüge nannte er allerdings nicht.

Das Mittel- und Langstreckenflugzeug Boeing 787 gilt als Revolution im Flugzeugbau. Der Dreamliner wird erstmals fast vollständig aus Kohlefasermaterialien gefertigt, die das Aluminium als Werkstoff ablösen sollen. Durch das geringere Gewicht verspricht Boeing enorme Einsparungen bei Treibstoff und Betriebskosten. Die Versprechungen zogen: 55 Fluggesellschaften bestellten insgesamt mehr als 840 Maschinen, bevor das Flugzeug überhaupt geflogen ist. Der Listenpreis pro Stück beträgt rund 200 Mio. Dollar.

Boeing wurde den Erwartungen aber nie gerecht. Als die Amerikaner im Juli 2007 der Öffentlichkeit einen Prototyp vorführten, wurde die Maschine nur von provisorischen Nieten zusammengehalten und anschließend wieder zerlegt. Vor allem in der Produktion häuften sich die Pannen. Boeing lagerte fast drei Viertel der Fertigung an Zulieferer rund um den Globus aus. Das komplizierte Zuliefergeflecht von Japan bis Italien überforderte aber den Fertigungsprozess, die Qualität reichte nicht.

Die Fertigungslinie im Boeing-Werk Everett kam deshalb nie auf Touren. Fast schon verzweifelt kaufte Boeing Mitte des Jahres eine Fabrik des Zulieferers Vought in South Carolina, das wichtige Rumpfteile für den Dreamliner herstellt. Mittlerweile kosten Verspätungen, Produktionsausfälle und Strafzahlungen Boeing elf Mrd. Dollar, wie es in Branchenkreisen heißt. Das Problem: Will Boeing seine Lieferzusagen halten, muss eine zweite, teure Fertigungslinie her.

Vorerst gilt es aber, die jüngsten Mängel zu beseitigen: Der Übergang zwischen Rumpf und Flügeln ist zu schwach ausgelegt, die sicherheitskritischen Nahtstellen müssen neu konstruiert werden. Drei bisher produzierte Dreamliner haben daher nur noch Schrottwert.

Das Desaster um die 787 könnte auch die deutsche Industrie treffen. Am Mittwoch teilte der deutsche Triebwerksspezialist MTU mit, einen Großauftrag für 70 Mio. Euro von American Airlines erhalten zu haben. American Airlines hat 42 Dreamliner bestellt und will diese mit Triebwerken von General Electric ausstatten, an denen die Münchener mit wichtigen Komponenten beteiligt sind. Auch die Nürnberger Diehl-Gruppe liefert Teile für die Kabine des Dreamliners.

Die Probleme bei Boeing werden vom Rivalen Airbus aufmerksam verfolgt. Die EADS-Tochter hadert selbst mit Fertigungsproblemen bei dem Riesenairbus A380 und hat sich mit dem Bau des Militärtransporters A400M ebenfalls völlig verhoben.

Airbus will den Markterfolg des Dreamliners mit seiner Neuentwicklung A350 kontern. Auch die A350 soll fast vollständig aus Kohlefaser gefertigt werden und spätestens 2012 abheben. Ähnlich wie Boeing planten auch die Europäer zunächst, einen Großteil der Entwicklung und Fertigung an Zulieferer zu vergeben. Doch der Verkauf der deutschen Werke in Augsburg, Varel und Nordenham an externe "Risikopartner" scheiterte Anfang 2008. Die im Januar gegründete Tochter "Premium Aerotec" bleibt bis auf weiteres eine EADS-Tochter. "Mit Blick auf die Probleme bei Boeing ist das sicher eine gute Entscheidung", heißt es bei Airbus.

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