US-Gericht sieht Mitschuld bei Vioxx-Todesfall
Merck & Co. soll 253 Millionen Dollar zahlen

Im ersten von möglicherweise tausenden Prozessen um das Arthritis-Medikament Vioxx hat ein US-Gericht den US-Pharma-Konzern Merck & Co. zu einer Zahlung von 253 Millionen Dollar verurteilt.

HB ANGLETON. Die Geschworenen gaben dem Unternehmen am Freitag eine Mitschuld am Tod eines Texaners. Experten gingen davon aus, dass die Summe nach texanischem Recht deutlich reduziert wird. Investoren jedoch fürchteten, das Urteil könne richtungsweisend sein für die mehr als 4200 Klagen, mit denen sich Merck im Zusammenhang mit Vioxx noch konfrontiert sieht. Der Konzern kündigte Berufung an. Es gebe keine wissenschaftlichen Beweise, dass Vioxx im Zusammenhang mit Herzrhythmusstörungen stehe, an denen der Texaner gestorben sei, sagte ein Merck-Anwalt.

Analysten glauben, der Rechtstreit könnte Merck Milliarden kosten und jahrelang beschäftigen. Der Aktienkurs gab am Freitag mehr als sieben Prozent nach. Merck hatte den Blockbuster im September vom Markt genommen, als das Medikament von rund 20 Millionen Menschen eingenommen wurde.

Das US-Unternehmen Merck & Co. steht in keinem Zusammenhang mit dem deutschen Unternehmen Merck KGaA (Darmstadt), das ebenfalls auf dem weltweiten Pharma-Markt operiert.

229 Millionen Dollar Strafzuschlag

Als das Urteil am Freitag nach sechswöchigem Prozess verkündet wurde, brach die Klägerin in Tränen aus. Ihr Anwalt sprang auf und rief „Amen“. Nach fast zweitägigen Beratungen waren die zwölf Geschworenen im texanischen Angleton zu dem Urteil gekommen, Mängel beim Medikament wie auch bei dessen Marketing hätten zum Tod des 59-Jährigen beigetragen. Sie sprachen der Witwe Schadenersatz in Höhe von 24 Millionen Dollar für den Verlust des Partners und seelischen Schmerz zu sowie 229 Millionen Dollar Strafzuschlag. Die Witwe hatte erklärt, der Herztod ihres Mannes - ein Marathonläufer - sei auf die Einnahme von Vioxx zurückzuführen. Merck hatte dies zurückgewiesen.

Während des Verfahrens hatte Mark Lanier, der Anwalt der Klägerin, interne Merck-Dokumente vorgelegt, nach denen einige Wissenschaftler des Unternehmens sich Sorge um ein erhöhtes Herzinfarktrisiko durch Vioxx gemacht hätten - lange bevor das Unternehmen das Medikament im Herbst vom Markt nahm.

Merck-Anwalt will weiterkämpfen

Merck solle seine Verantwortung eingestehen und Verhandlungen beginnen, forderte Lanier. Ein Anwalt des Unternehmens hingegen erklärte, der Konzern sehe schwerwiegende Gründe, in Berufung zu gehen und werde weiterkämpfen. Bei längerer Einnahme von Vioxx habe es Hinweise auf ein höheres Herzinfarktrisiko gegeben. Der Texaner starb Merck zufolge jedoch an Herzrhythmusstörungen, für die Vioxx nicht verantwortlich gemacht werde.

Selbst wenn das Urteil bestehen bleiben sollte, werde der Strafzuschlag auf weniger als zwei Millionen Dollar reduziert, sagte ein Merck-Anwalt. Die Gesetze des US-Bundesstaates beschränken Strafzuschläge auf das zweifache des wirtschaftlichen Schadens - in diesem Fall 450 000 Dollar - plus weitere 750 000 Dollar. Für den Verlust eines Partners und seelischen Schmerz gibt es keine finanzielle Höchstgrenze.

Forderungen in Milliarden-Höhe

Durch die tausenden von Klagen könnte Merck mit Schadenersatzforderungen in Milliarden-Höhe konfrontiert werden. „Ich hatte gedacht, das würde sie rund vier Milliarden kosten, aber jetzt denke ich, zehn Milliarden sind keine unvernünftige Summe“, sagte John LeCroy von Natexis Bleichroeder. „Das ist sicherlich keine positive Entwicklung für Merck, aber die meisten Investoren haben ein negatives Urteil erwartet“, urteilte Shaojing Tong von Mehta Partners. Durch die hohe Summe sei es wahrscheinlich, dass sich die Klagen häufen. „Das war eine konservative Jury, was dieses Urteil noch bedeutungsvoller macht“, sagte ein Vertreter einer Firma, die mehr als 10 000 Fälle von Patienten untersucht, die nach der Einnahme von Vioxx Herzprobleme erlitten.

Vioxx ist der Markenname für den Wirkstoff Rofecoxib. Das Medikament gehört zur Klasse der so genannten Coxibe oder auch Cox-2-Hemmer, die nach Einschätzung von Experten im Vergleich zu älteren Schmerzmitteln magenschonender sind. Merck hatte Vioxx 1999 auf den Markt gebracht. Der Umsatz machte 2003 mit mehr als 2,5 Milliarden Dollar etwa zehn Prozent des Konzernumsatzes aus.

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