US-Mischkonzern reduziert Gewinnaussichten
General Electric reagiert auf Geschäftsrückgang mit Zukäufen

Seite vier Quartalen verringern sich die Gewinne des einst so verfolgsverwöhnten US-Mischkonzerns General Electric (GE) . So hat Jeff Immelt Zeit zu verlieren, um den von ihm geführten Konzern wieder in Fahrt zu bringen. Erst am Freitag sorgte der deutliche Gewinnrückgang ebenso wie ein enttäuschender Gewinnausblick für einen Sturz der Aktie um drei Prozent.

NEW YORK. Dabei drückt Immelt aufs Tempo. Die Unterhaltungssparte von Vivendi brachte er unter das Dach seines Fernsehsenders NBC, er kaufte den finnischen Medizintechnikhersteller Instrumentarium und übernahm schließlich die britische Amersham, ebenfalls einen Anbieter von Medizintechnik.

Und das ist nur die Bilanz einer Woche. Seitdem Immelt das Ruder beim größten Industriekonzern der Welt vor zwei Jahren in die Hand nahm, hat er fast 50 Mrd. $ für 120 Zukäufe ausgegeben.

Dass viele Zukäufe in Europa liegen, ist für Immelt reiner Zufall. „Wir suchen einfach nach guten Geschäften", sagte der 47-Jährige, nachdem er den Amersham-Deal in London unter Dach und Fach gebracht hatte.

Immelts Strategie wird klarer, wenn man nicht nur auf die Kauf-, sondern auch auf die Verkaufsliste schaut. Langsam wachsende Bereiche aus dem Versicherungs- oder Chemiegeschäft wurden geopfert. Im Gegenzug hat Immelt in Geschäftsfelder investiert, denen er in Zukunft hohe Wachstumsraten zutraut. Die Medizintechnik genießt dabei besondere Beachtung. Schließlich hat Immelt diesen Bereich einst mehr als drei Jahre selbst geleitet.

Doch von zweistelligen Gewinnzuwächsen wie einst ist der Konzern derzeit weit entfernt. Im dritten Quartal ging der Reingewinn gegenüber dem Vorjahr um 11 % auf 3,65 Mrd. $ zurück, der Umsatz stieg gerade mal um 2 % auf 33,4 Mrd. $. Zugleich nahm GE seine Gewinnerwartungen für das vierte Quartal und das Gesamtjahr zurück. In den letzten drei Monaten des laufenden Jahres erwartet der Konzern nur noch einen Gewinn zwischen 45 und 47 Cent je Aktie. Der Jahresgewinn soll demnach zwischen 1,55 $ und 1,57 $ je Anteil liegen.

Schuld an der Gewinnerosion seit vier Quartalen sind nicht nur hohe Rohstoffkosten in der Plastiksparte. Auch in Kernbereichen wie den Flugzeugantrieben läuft es nicht mehr so wie früher. Im Industriegeschäft gingen die Erlöse im dritten Quartal um 5 % auf 16,5 Mrd. $ zurück. Umsatzträger war erneut die Finanzsparte mit einem Plus von 13 %. Unterm Strich erwirtschafteten acht der 13 Geschäftsbereiche zwar ein Gewinnwachstum im zweistelligen Prozentbereich. Analysten sind jedoch skeptisch, ob Immelt die Zahl der Gewinnmotoren in absehbarer Zeit auf zehn erhöhen kann. „2004 muss GE Ergebnisse liefern“, sagte Jim Kelleher, Analyst bei der Research-Gruppe Argus in New York.

Immelt muss mit diesem Druck leben, haben sich die Anleger doch daran gewöhnt, dass GE ihnen in guten wie in schlechten Zeiten zweistellige Ergebnisverbesserungen beschert. Allerdings stellt der GE-Chef die Geduld der Investoren auf die Probe. So wird Amersham nicht vor 2005 seinen Teil zum Konzerngewinn beitragen.

Trotzdem bezahlt GE einen Aufschlag von 45 % auf den Aktienkurs vor Bekanntwerden der Verkaufsgespräche. Leisten kann GE sich derartige Spitzenpreise nur, weil das Unternehmen nach wie vor über eine erstklassige Bonität auf dem Kreditmarkt verfügt. Für seine Anleihen zahlt der Konzern nur wenige Zinspunkte mehr als Staatsregierungen für vergleichbare Darlehen. Voraussetzung für die exzellente Kreditwürdigkeit ist, dass GE auch weiterhin mit Spitzenergebnissen im Industriegeschäft aufwartet. Will Immelt auch in Zukunft teuer einkaufen, muss er diesen Kreislauf aus hohen Gewinnen und niedrigen Kreditkosten am Leben halten.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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