US-Unternehmen zieht Konsequenzen aus Vioxx-Skandal
Merck wechselt Konzernspitze aus

Der amerikanische Pharmakonzern Merck & Co hat sich mit sofortiger Wirkung von seinem langjährigen Chef Raymond Gilmartin getrennt. Zum Nachfolger wurde der 59-jährige Richard Clark benannt, der bislang die Produktion bei Merck geleitet hat.

tor NEW YORK. Gilmartin war insbesondere nach dem Rückruf des Schmerzmittels Vioxx in die Kritik geraten. Wissenschaftler und Patienten werfen der Konzernführung vor, wichtige Erkenntnisse über mögliche Nebenwirkungen von Vioxx auf das Herz-Kreislauf-System nicht rechtzeitig öffentlich gemacht zu haben. Die Börse in New York reagierte zum Handelsbeginn mit leichten Kursverlusten auf den Führungswechsel.

„Clark war Teil des Führungsteams, das bislang keine neue Strategie für die Zukunft des Konzerns entwickelt hat“, sagte Barbara Ryan, Analystin bei der Deutschen Bank in New York. Merck hat mit dem Rückruf von Vioxx im September 2004 einen Jahresumsatz von 2,5 Mrd. Dollar verloren. Der Gewinn ist in den vergangenen eineinhalb Jahren stetig gesunken und im ersten Quartal um weitere 15 Prozent abgesackt. Zugleich ging der Aktienkurs des Unternehmens seit dem Vioxx-Vorfall um 22 Prozent zurück.

Gilmartin hatte sowohl Rücktrittsforderungen abgelehnt als auch Spekulationen über eine Fusion mit einem anderen Pharmakonzern zurückgewiesen. Sein Vertrag wäre erst im kommenden Jahr ausgelaufen.

Gilmartin hatte zuletzt versucht, Vioxx erneut auf den Markt zu bringen, nachdem amerikanische Gesundheitsexperten auch bei anderen Schmerzmitteln dieser Klasse ein erhöhtes Herzinfarktrisiko festgestellt hatten, was aber nicht zu deren Rückzug vom Markt führte. Sein Nachfolger Clark muss sich zunächst mit über 2 000 Sammelklagen auseinander setzen, die Patienten gegen Merck angestrengt haben.

Nach Angaben des US-Wissenschaftlers David Graham könnte Vioxx seit seiner Markteinführung für bis zu 140 000 Herzanfälle verantwortlich sein. Das Unternehmen hat 600 Mill. Dollar für den Rechtsstreit zurückgestellt. Analysten rechnen allerdings mit Schadenersatzforderungen von bis zu 18 Mrd. Dollar.

Vioxx ist jedoch nicht das einzige Problem für Merck. Das Unternehmen verliert darüber hinaus den Patentschutz für seinen Bestseller Zocor, ein Medikament gegen hohen Cholesteringehalt. Wie fast alle Pharmaunternehmen haben die Amerikaner Schwierigkeiten, ihre Produktpipeline zügig mit neuen Arzneimitteln zu füllen. Vor zwei Jahren stellte Merck seine Forschungsarbeiten bei verschiedenen Medikamenten zur Behandlung von Depressionen und Diabetes ein.

Der neue Chef Clark arbeitet seit 33 Jahren für Merck. Ihm zur Seite gestellt wird ein so genanntes „Executive Committee“ mit dem früheren Honeywell-Chef Lawrence Bossidy an der Spitze. Dieses Führungsteam soll bis zu zwei Jahre zusammen mit Clark die Geschicke des Konzerns lenken. Dafür verzichtet Merck auf die Ernennung eines neuen Vorsitzenden des Verwaltungsrats. „Dick Clark ist ein außergewöhnlicher Führer und Stratege“, sagte Bossidy.

Er bestritt zugleich, dass Gilmartin entlassen wurde: „Wir haben ihn nicht rausgeworfen.“ Vielmehr suche das Unternehmen seit 2004 einen neuen Chef. „Ich habe immer klar gemacht, dass ein Chef an der Pensionsgrenze das Feld räumen muss“, sagte Gilmartin. Es sei seine Entscheidung gewesen.

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