USA
Wie die Atombranche aus dem Dornröschenschlaf erwacht

Veraltete Kraftwerke, steigender Verbrauch und Klimawandel: Amerika steckt in der Energiefalle. Um ihr zu entrinnen, setzen US-Versorger zunehmend auf Kernkraft - ein Milliardenmarkt für Siemens, GE & Co. Nun will ein Konzern gar einen Meiler wieder anfahren, der seit 35 Jahren eingemottet ist.
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HOLLYWOOD/ALABAMA. Jim Chardos lädt ein zu einer Zeitreise. Als er die mächtige Tür zum Kontrollraum des Kernkraftwerks öffnet, tauchen Besucher in eine Welt aus Bahama-beige: Wände und Schränke, riesige Instrumententafeln, alles in Beige. Auf dem Schreibtisch stehen klobige Telefone mit runden Wählscheiben Marke RCA. Diese Radio Corporation of America war einmal einer der größten Konzerne der Welt - in den 60er-Jahren. Nur einen Farbtupfer hat die Atomzentrale: den knallroten Tornado-Alarmknopf. Schließlich liegt draußen hinter der doppelten Betonabschirmung der Staat Alabama, Wirbelstürme toben hier immer wieder.

Chardos? Kraftwerk nahe dem Städtchen Hollywood, Alabama, böte die perfekte Kulisse für einen frühen James-Bond-Film. Gleich könnte Roger Moore alias "007" aus der Deckung springen, um mit seiner Walther PPK einen Fiesling zu erledigen, der die Welt mit einem Atomschlag erpresst.

Jim Chardos bemüht sich, ein Kraftwerk zu zeigen und kein Museum. Der Bauleiter trägt einen Helm und erzählt von Turbinen, Megawatt, Kühltürmen. Von Zeit zu Zeit verplappert er sich auch. "Hin und wieder", sagt Chardos und zeigt auf einen Nadeldrucker Marke Chromajet, "ruft das Smithsonian an und fragt nach den Sachen." Die Smithsonian Institution ist die berühmteste Museumsgesellschaft Amerikas. In ihren Museen stellt sie Dinosaurierskelette aus und Mondfähren.

Was einmal im Museum steht, kommt meist nicht mehr heraus. Jim Chardos weiß das. Doch sein Arbeitgeber, die Tennessee Valley Authority (TVA), der größte öffentliche Energieversorger der USA, will aus dem Technik-Museum in Alabama noch einmal das machen, was es schon vor 35 Jahren werden sollte: das Kernkraftwerk Bellefonte. Ab 2018 könnten hier Atomkerne gespalten werden, um 1200 Megawatt Strom zu erzeugen.

Der waghalsige Plan im Tal des Tennessee Rivers zeigt die Ratlosigkeit der USA, Auswege aus der Energiefalle zu finden. Nirgendwo anders in der entwickelten Welt sind Kraftwerke und Leitungsnetz so veraltet und überfordert wie hier. Immer wieder fällt in ganzen Landstrichen der Strom aus, zuletzt im Februar 2008, als eine Million Bürger in Florida mehrere Stunden ohne Strom verbringen musste.

Da der US-Stromverbrauch bis 2030 um 15 Prozent weiter wächst, wie die Energy Information Agency schätzt, benötigt Amerika dringend neue Kraftwerke. Ein durchschnittlicher US-Haushalt komme auf 26 Steckdosen, sagt David J. Rothkopf, Energie-Experte der Beratungsfirma Garten Rothkopf in Washington: "Wie können wir diese Nachfrage ohne eine massive Wiederbelebung der Kernkraft befriedigen? Wir können es nicht!"

Und dann ist da der Klimawandel. Amerika ist das Land mit den weltweit höchsten Kohlereserven, es betreibt Hunderte von Kohlekraftwerken. Die sind oft 50 oder mehr Jahre alt und wahre CO2-Schleudern.

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