Valeant: Der gefallene Pharma-Star

Valeant
Der gefallene Pharma-Star

Valeant gilt als einer der aggressivsten Pharmahersteller. Mit Lifestyle-Mitteln wie der ersten Sexpille für die Frau war der kanadische Konzern lange der Liebling an der Börse. Jetzt stürzt die Aktie um 40 Prozent ab.

Es war nicht der teuerste Deal, den Michael Pearson je eingefädelt hat. Aber einer, mit dem der Chef des kanadischen Pharmakonzerns Valeant richtig großes Aufsehen erregte. Einen Tag nach der Zulassung der ersten Lustpille für die Frau kaufte der kanadische Hersteller am 20. August 2015 den Entwickler des so genannten „Pink Viagra“, die Firma Sprout, für eine Milliarde Dollar.

Ein stolzer Preis für eine Firma, die nur ein einziges Mittel zu bieten hat, das zudem noch wegen seiner Nebenwirkungen in der Kritik steht. Aber es entsprach dem Muster des Valeant-Chefs: Statt der eigenen Forschung zu vertrauen, setzt er reihenweise auf Zukäufe vielversprechender Mittel. Die sollen dann aggressiv und teuer vermarktet werden. Und schon blühen Umsatz und Gewinn.

Das Modell lief einige Jahre gut. Valeant wurde an der Börse gefeiert, die hohe Bewertung brachte dem kanadischen Konzern die nötige Munition für weitere Milliardenübernahmen. Seit 2008 hat er 140 Zukäufe getätigt und dabei mehr als 35 Milliarden Dollar ausgegeben.

Doch nun steht Valeant vor einem Scherbenhaufen: Um 40 Prozent brach am Dienstag die Aktie ein, nachdem der Konzern seine Prognose für 2016 abermals senken musste. Seit Monaten verabschieden sich immer mehr Anleger aus der Aktie. Im Sommer 2015 notierte sie noch bei mehr als 225 Dollar, jetzt sind es mickrige 46 Dollar.

Schlimmer noch: Die Zweifel am Geschäftsmodell und an der Bilanzierungspraxis konnte Pearson auch beim Investoren-Call nicht ausräumen. Er präsentierte ungeprüfte, vorläufige Zahlen für das vierte Quartal. Die bis Dienstag gesetzte Frist zur Vorlage einer testierten Jahresbilanz verfehlte das Unternehmen.

Valeant ist der gefallene Star der nordamerikanischen Pharmaindustrie. „Für Investoren ist es das Beste, keine Aktien von Valeant zu haben“, lautet das vernichtende Urteil von Analyst David Maris von der Bank Wells Fargo.

Wie gut oder schlecht sich die neu erworbene Sexpille Addyi verkauft, dazu nimmt der Konzern keine Stellung. Das Mittel soll das Lustempfinden von Frauen vor und während der Wechseljahre steigern. Verschiedene Studien hatten der Pille eine bescheidene Wirkung, dafür aber ausgeprägte Nebenwirkungen bescheinigt.

Im November – wenige Wochen nach dem Verkaufsstart – kamen aus der US-Gesundheitsbranche Meldungen, wonach die Zahl der Verschreibungen erst im dreistelligen Bereich liege. Exakte Zahlen dazu gibt es aber nicht. Die Lustpille ist aber nicht das größte Problem von Valeant. Es ist eher die aggressive Vermarktung und Preisgestaltung. Der Konzern ist in der US-Politik zum Sinnbild für Maßlosigkeit im Pillenbusiness geworden.

Die USA sind im Vergleich zu Deutschland zwar größtenteils immer noch ein Hochpreis-Paradies für Arzneientwickler. Aber auch dort wächst die Kritik an teuren Medikamenten – die Diskussion reicht bis in den US-Wahlkampf.

Den größten Schlag versetzte den Kanadiern im November 2015 ein von Investoren erstellter Bericht: Valeant wird darin vorgeworfen, die Umsätze aufgebläht zu haben, um das versprochene Wachstum zu liefern. Im Zentrum steht die Versandapotheke Philidor, die Valeant über eine Kaufoption kontrolliert und auch bilanziert. Über sie sollen Scheinumsätze getätigt worden sein, lauten die Vorwürfe der Investoren. Nach Recherchen des „Wall Street Journal“ sollen Valeant-Mitarbeiter von Büros der Apotheke aus E-Mails verschickt haben, die dem Marketing der Konzernprodukte dienen sollten. Sie nutzten dazu offenbar Phantasienamen.

Valeant-Chef Pearson weist die Vorwürfe als Lüge zurück und präsentierte einen 90-seitigen eigenen Bericht, der die ordnungsgemäße Buchführung beweisen sollte. Doch die Zweifel vieler Investoren konnte er bis heute nicht ausräumen.

Die bisherige Strategie der teuren Zukäufe und hohen Verkaufspreise wird Pearson ohnehin nicht beibehalten können – dazu sind die operativen Probleme zu groß und die Bewertung zu gering. Er weiß, dass anderes auf seiner Agenda steht: „Wir müssen dringend unsere Glaubwürdigkeit wiederherstellen“, sagte Pearson am Dienstag.

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