Verband der Cigarettenindustrie löst sich auf
Ein Lobbyist weniger in Berlin und Brüssel

Sehr zur Freude der Gesundheitspolitiker löst sich der Verband der Cigarettenindustrie (VdC) auf. Dicke Luft herrschte unter den deutschen Zigarettenherstellern zwar schon seit langem, doch jetzt kam es zum großen Knall.

HB BERLIN. Der Branchenverband VdC löst sich nach wochenlangen Querelen mit seinem größten Mitgliedsunternehmen Philip Morris auf. Damit verschwindet einer der mächtigsten und umstrittensten Lobbyverbände von der politischen Bühne in Berlin und Brüssel.

Die Selbstauflösung des eher kleinen, aber einflussreichen Verbandes der Cigarettenindustrie (VdC) ist ein seltener Schritt in der deutschen Industrie mit ihren unzähligen Interessenvertretern. Ungewöhnlich daran ist auch, dass ausgerechnet der - aus VdC-Sicht erfolgreiche - Kampf gegen ein strengeres Rauchverbot in Deutschland der Anfang vom Ende des zerstrittenen Branchenbündnisses war. Das Zerwürfnis und VdC-Aus ist aber auch Folge eines schärfer werden Verdrängungswettbewerbs auf einem schwieriger gewordenen Markt.

Der Streit eskalierte Mitte Mai. Der deutsche Branchenführer Philip Morris kündigte seine Mitgliedschaft im VdC auf. Noch überraschender für den Rest der Branche war die Begründung des Marlboro-Herstellers. Man wolle sich stärker einsetzen für eine gesundheitspolitisch orientierte Regulierung der Tabakwirtschaft und ein fast komplettes Tabakwerbeverbot, hatte der Deutschlandableger des US-Konzerns angekündigt. Es gehe um den Schutz vor allem von Kindern und Jugendlichen. „Wir haben ein Produkt, das schädlich ist“, hieß es in der Münchner Firmenzentrale. Tabakwerbeverbote auch auf Plakaten, höhere Preise durch größere Packungen, mehr Steuern auf Tabakprodukte zum Selberdrehen ­ für Philip Morris kein Problem. Der VdC habe zu wenig getan gegen die schädliche Qualmerei, hieß es.

Die anderen sechs Zigarettenhersteller staunten über den Sinneswandel beim Branchenprimus. Die von Philip Morris angeführten Gründe seien „scheinheilig“, hatte der erst seit kurzem amtierende VdC-Chef Titus Wouda Kuipers erklärt. Der Reemtsma-Deutschlandchef warf dem Konkurrenten vor, reine Geschäftsinteressen zu vertreten. Die Forderung nach einer stärkeren Feinschnitt-Besteuerung etwa sei durchsichtig, da Philip Morris hier einen eher geringen Marktanteil habe. Der Konzern verkauft vor allem Filterzigaretten.

Auch die geforderte Ausweitung des Werbeverbots sei leicht zu durchschauen, argumentierte Kuipers. Damit würde die Marktstellung zementiert. Philip Morris kommt in Deutschland mit großem Abstand auf einen Marktanteil von rund 37 Prozent. Ohne Werbung, so befürchten die Konkurrenten, könnten dem Branchenprimus kaum Kunden weggeschnappt werden. Wenig konsequent sei auch, dass Philip Morris außerhalb der EU weiterhin die Formel 1 sponsere.

Noch vor wenigen Wochen hieß es aus der Berliner VdC-Zentrale selbstbewusst, man sei auch ohne Philip Morris schlagkräftig. Schließlich würden weiterhin gut 60 Prozent der Branche vertreten. Eigentlich sollten nur noch finanzielle Verpflichtungen für den Sechser-Verband geklärt werden. Auch das hat sich in Rauch aufgelöst.

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