Vereinbaerung
Siemens plant Lok-Fabrik in Russland

An der Strandpromenade des Schwarzmeer-Badeorts Sotschi haben Siemens-Manager gestern einen weiteren Pflock auf dem russischen Markt eingeschlagen: Im Joint Venture mit Partner Sinara sollen ab 2010 jährlich 100 Loks gebaut werden. Ein weiteres Beispiel für Siemens Expansion in Russland.

SOTSCHI. Die Siemens-Division „Mobility“ will künftig im Joint Venture mit dem russischen Maschinenbauer OJSC Sinara rund 100 Lokomotiven pro Jahr herstellen – und zwar vor Ort in Russland, in einer Sinara-Lokfabrik nahe Jekaterinburg.

Kaum ein deutscher Konzern drängt derzeit so forsch auf den russischen Markt wie Siemens. Allein in diesem Jahr haben die Münchner vier Hochgeschwindigkeitszüge auf die russischen Breitspur-Gleise gestellt, bis Ende des Jahres sollen vier weitere ausgeliefert werden. Im Frühjahr tütete der Konzern eine enge Kooperation mit der Atombehörde Rosatom ein. Das Gemeinschaftsunternehmen, für dessen Gründung gestern bei einer Konferenz der russischen Eisenbahn RZD in Sotschi die Absichtserklärung unterschrieben wurde, soll schon in wenigen Wochen die Arbeit aufnehmen.

Die russische Bahn drückt aufs Tempo: Noch Ende 2010 will der Staatskonzern die ersten Doppel-Lokomotiven deutsch-russischer Produktion auf die Schiene schicken. Der RZD-Investitionsplan bis 2020 sieht die Beschaffung von 23.000 neuen Loks vor. Selbst wenn dieses Programm angesichts krisenbedingter Einnahmeausfälle kräftig gekürzt werden muss, bleibt Russland Europas größter Bahnmarkt mit einem gewaltigen Absatzpotenzial für Siemens und Konkurrenten. „Das Lok-Werk mit Sinara ist ein guter Start“, freute sich Divisionchef Hans-Jörg Grundmann.

Freilich sind die Russen nicht dafür bekannt, technologisch auf international wettbewerbsfähigem Niveau zu produzieren – zumal RZD-Chef Wladimir Jakunin ausdrücklich ein energieeffizientes Modell haben will. Das Know-how für den Drehstrom-Zug im geplanten Joint Venture wird also aus Deutschland kommen. „Wir haben uns die Schlüsselkomponenten genau angeschaut und festgestellt, dass Sinara auf einem guten technischen Standard produziert“, schwärmte Siemens-Manager Grundmann dem Handelsblatt. „Sinara weiß, wie man Lokomotiven baut und dafür auf dem russischen Markt eine Zulassung bekommt.“ Letzteres ist vermutlich einer der Gründe, weshalb die Münchner nicht im Alleingang durchzustarten versuchen.

Der große Wurf

Siemens war indes der einzige deutsche Konzern, dem in Sotschi ein großer Wurf gelang. Der neue detusche Bahnvorstand Rüdiger Grube, dessen Unternehmen offiziell der groß angekündigte „strategische Partner“ des Forums war, blieb der Veranstaltung mit über 500 Gästen fern – und bedeutete den Russen unwillkürzlich, dass er anders als sein Vorgänger Hartmut Mehdorn vorerst keine Priorität in der deutsch-russischen Eisenbahnkooperation sieht.

Stattdessen machten Konkurrenten aus den Nachbarländern Nägel mit Köpfen. Die österreichische Bundesbahn ÖBB will zusammen mit Slowaken, Ukrainern und Russen den „Kontinentalsprung“ nach China in Angriff nehmen. Zwei Millionen Euro wollen die Eisenbahnen in eine Machbarkeitsstudie für ein Projekt stecken, das stets ein Lieblingsthema des deutschen Ex-Bahnchefs Mehdorn war. Auch Guillaume Pepy, Chef der französischen Staatsbahn SNCF, plant eine engere Kooperation mit der russischen RZD. Alstom Transport, der große Siemens-Konkurrent aus Frankreich, drängt ebenfalls auf den Wachstumsmarkt im Osten und plant eine Fertigung mit einem lokalen Eisenbahnbauer. Der Markt ist längst noch nicht verteilt, das zeigte sich am Strand von Sotschi einmal mehr.

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