Vergabeverfahren
EADS verliert Milliardenauftrag des Pentagons

Das europäische Luftfahrtkonsortium EADS und der US-Partner Northrop Grumman müssen in einem Rennen neu antreten, das sie bereits gewonnen glaubten. Das US-Verteidigungsministerium wird der Empfehlung des Rechnungshofes GAO folgen und den Auftrag zum Bau von 179 Tankflugzeugen für die US-Luftwaffe „in einem beschleunigten Verfahren“ neu ausschreiben.

PORTLAND. Verteidigungsminister Robert Gates sagte in einer Pressekonferenz, dass sein Haus die direkte Verantwortung für die Neuausschreibung von der Luftwaffe übernehmen wird. Er übertrug die Zuständigkeit für den 35 Mrd. Dollar schweren Beschaffungsauftrag auf seinen Staatssekretär John Young. Außerdem soll der Beratungsausschuss für den Auftrag neu konstituiert werden. Vor der Rüge des Rechnungshofes hatte sich Gates noch voll hinter das Verfahren der Air Force gestellt.

Die Luftwaffe hatte den seit Jahren umstrittenen Milliardenauftrag nach einem länglichen und angeblich „offenen und fairen“ Ausschreibungsverfahren im Februar der Arbeitsgemeinschaft von EADS und Northrop zugeschlagen. Ausschreibungsverlierer Boeing protestierte sofort gegen die Entscheidung beim General Accountability Office. Die Boeing-Lobby im Kongress entfachte einen Entrüstungssturm wegen angeblicher Gefährdung der nationalen Sicherheit und erheblicher Verluste an US-Arbeitsplätzen durch die Beteiligung eines europäischen Unternehmens. Nach eingehender Prüfung fand dann das GAO „erhebliche Mängel“ in der Art und Weise, wie die Luftwaffe zur Entscheidung der Auftragsvergabe an EADS/Northrop gekommen war und empfahl, den Auftrag neu auszuschreiben.

Zur Begründung gab das GAO an, die Luftwaffe habe sich bei ihrer Entscheidung nicht an ihre eigenen Anforderungskriterien gehalten und deren Bewertung während des Verfahrens geändert. Hierüber sei aber Boeing nicht informiert worden. Boeings Tankflugzeug auf der Basis der B767 habe die ursprünglichen Leistungsanforderungen erfüllt, sei aber abgestuft worden, weil der Northrop/EADS-Tanker auf der Basis des Airbus A330 die Anforderungen übererfüllt habe. Überdies sei das Boeing-Angebot nach Beseitigung von Fehlern bei der Berechnung der Kosten über die gesamte Lebensdauer der Tanker billiger.

Wie es heißt, will Gates das neue Ausschreibungsverfahren noch in diesem Jahr durchziehen. Rüstungsanalyst Loten Thompson vom Lexington Institute sagte, Gates habe mit seiner Entscheidung der Tankerbeschaffung höchste Priorität gegeben und signalisiert, dass er den Auftrag vor dem Amtsende der Bush-Regierung am 20. Januar 2009 erteilen will. Dies gilt indessen wegen der Komplexität des Riesenauftrages, der widerstrebenden Kräfte im Kongress und der dubiosen Geschichte der Tankerausschreibung als unwahrscheinlich.

Einschließlich von Ersatzteilen und Wartung liegt der Auftragswert über die Lebensdauer der Tanker insgesamt bei über 100 Mrd. Dollar. Im Kongress machen die Abgeordneten, deren Staaten vom Bau des Boeing-Tankers profitieren würden, zum Beispiel der Staat Washington, Front gegen Volksvertreter zum Beispiel aus Alabama, wo Northrop/EADS in einem neuen Werk den Airbus zum Tanker ausrüsten wollen.

Hinzu kommt, dass Boeing den Auftrag nach einer ersten Ausschreibung Ende 2003 verloren hat, als herauskam, dass der Konzern mit der zuständigen Beschaffungsbeamtin illegal verbandelt war. Es gilt als sicher, dass Northrop und EADS protestieren werden, wenn in der nächsten Runde Boeing der Gewinner ist.

Quelle: Handelsblatt
Jens Eckhardt
Handelsblatt / Korrespondent
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